Die Forschung zum bisher wenig aufgearbeiteten "Radikalenerlass" zielt ins Herz der westdeutschen Demokratiegeschichte.Der 1972 unter Bundeskanzler Willy Brandt verabschiedete "Radikalenerlass" war politisch umstritten. Wissenschaftlich wurde seine Geschichte bislang kaum untersucht. Schützte der "Extremistenbeschluss" die Demokratie vor ihren Feinden von rechts und links - oder war er ein Instrument von Repression und Bespitzelung? Grad und Intensität der Umsetzung unterschieden sich je nach Bundesland: So galt Baden-Württemberg - zentraler Untersuchungsgegenstand dieses Bands - mit dem landeseigenen "Schiess-Erlass" als "Bollwerk" der "Radikalen-Abwehr" oder als "schwarze Berufsverbots-Provinz". Erstmals erhobene Akten und Dokumente aus zahlreichen Archiven bieten Aufschluss über das Handeln der Filbinger-Administration und der Behörden, die Situation der Betroffenen und die öffentlichen Debatten. Weitere Studien zur Stellung des "Radikalenerlasses" in der Zeitgeschichte, Studien zu anderen Bundesländern und zur Rolle von Schulen und Universitäten als Schauplätzen der Auseinandersetzung ordnen diese Ergebnisse in einem größeren Zusammenhang ein. Die Aufarbeitung des "Radikalenerlasses" berührt Fragen der Wehrhaftigkeit und des Extremismus und bleibt damit auch heute hochaktuell.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2022
Rezensent Thomas Holl hat lange gewartet auf den von Birgit Hofmann und Edgar Wolfrum herausgegebenen wissenschaftlichen Sammelband zum "Radikalenerlass" mit Schwerpunkt auf Baden-Württemberg. Die 34 Einzelstudien, Zeitzeugengespräche und Quellenstücke führen laut Holl in die Vorgeschichte des Radikalenerlasses ein, in die politischen Auseinandersetzungen um ihn und seine Wirkung. Die politischen und sozialen Bedingungen, auf die der Erlass 1972 traf, werden ihm ebenso vermittelt wie Brandts Selbstkritik. Besonders beeindruckend findet Holl die Zeitzeugentexte, die ihm die drastischen Auswirkungen des Erlasses auf einzelne Lebenswege verdeutlichen.
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