Edmund White verblüfft seine Leserschaft immer wieder mit neuen Möglichkeiten des autobiografischen Schreibens. In "Meine Leben" blickt der amerikanische Schriftsteller zurück auf die tragenden Säulen eines langen Lebens: "Meine Therapeuten", "Mein Vater", "Meine Stricher", "Meine Frauen" - in zehn Kapiteln findet er originelle und beileibe nicht immer schmeichelhafte Zugänge zu seiner Vergangenheit und erzählt weit mehr als nur die eigene Lebensgeschichte. Sein Vater ist ein gewiefter Geschäftsmann im Mittleren Westen, für den schon das Tragen einer Armbanduhr als unmännlich gilt; seine Mutter eine extravagante Kinderpsychologin, die ihren Sohn zum Test-Patient macht und nach der Scheidung in die intimsten Detailsihrer glücklosen Affären einweiht. Zwischen diesen ungleichen Polen wird der kleine Edmund hin- und hergeschubst - ein bebrillter, tuntiger Klugscheißer, der sein erstes selbstverdientes Geld für Stricher ausgibt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 13.07.2021
Rezensent Marko Martin gefällt der freie, freche Ton, mit dem Gay-Godfather Edmund White verbiesterte Identitätsdebatten sprengt. Wie der Autor von seinem Leben als Homosexueller im New York und Paris der 1980er erzählt, von seinen verständnislosen Eltern, ständig verfügbarem Sex, wie er Susan Sontag und Michel Foucault porträtiert, ohne allzu große Nabelschau zu betreiben, sondern immer auch selbstironisch, das lässt bei Martin nie Langeweile aufkommen. Memoiren der erfrischend unkonventionellen Art, meint Martin.
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