Albino Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783863004033 Geheftet, 160 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Christian Ruzicska. Eine französische Großstadt im Jahr 2020. Während das Leben allmählich durch Maßnahmen gegen die Pandemie eingefroren wird, protokolliert ein namenloser Ich-Erzähler seinen unsteten Alltag zwischen Jobsuche, Grindr-Dates, Wohnungs-Hopping und gelegentlichen Rendezvous als Escort. Als er im Schlafzimmer seines Ex-Freunds die Schwarz-Weiß-Fotografie "Daniel Schook Sucking Toe" von Peter Hujar an der Wand entdeckt, lässt ihn der eindringliche Blick des Models nicht mehr los. Dessen Identität herauszufinden wird zu einer neuen Obsession im ohnehin rastlosen Alltag des Protagonisten. Erst der Tod des geliebten Vaters lässt ihn für ein paar nachdenkliche Tage innehalten. Ist die fieberhafte Recherche über Daniel Schook am Ende eine Suche nach ihm selbst? Der Erzähler lässt die Lesenden an seinem prekären Dasein in der digitalen Gegenwart teilhaben. Nebenbei skizziert er, ausgehend vom Hujar-Foto, die Chelsea-Hotel-Bohème im New York der 1970er und 1980er Jahre. David Wojnarowicz, Hervé Guibert und Nan Goldin sind ebenso präsent wie Billie Eilish, Annie Ernaux und Netflix.
Dieses Debüt findet Rezensent Dirk Fuhrig äußerst vielversprechend: Der Franzose Simon Chevrier schreibt über einen etwas verlorenen Protagonisten, der sein Studium geschmissen hat und in den Tag lebt. Mal prostituiert er sich, mal schreibt er und dieses Schreiben spiegelt sich in "atemberaubenden Kühle" auch im Buch, das aus Hauptsätzen aufgebaut ist, wie Fuhrig verrät. Das erinnert ihn an die Fotografie, die auch für den Protagonisten eine wichtige Rolle spielt: Er ist besessen von einem Bild von Peter Hujar, auf dem ein Mann seinen Zeh in den Mund nimmt, eine Obsession, die weniger sexuell als künstlerisch und identifikatorisch erscheint. Der Kritiker liest in diesem Buch von Homosexualität, von der schwierigen Suche nach der eigenen Identität, von Pandemien und Familienschwierigkeiten: Ein Buch, das in seiner Kürze vielleicht die ein oder andere Oberflächlichkeit aufweist, aber schon hinausdeutet auf eine spannende schriftstellerische Karriere, wie er schließt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.03.2026
Rezensent Gustav Seibt liest mit "Foto auf Anfrage" ein "meisterhaftes Debüt" - zurecht ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt du premier roman, und dazu hervorragend ins Deutsche übertragen von Christian Ruzicska. Virtuos erscheint ihm etwa die konsequente kühl distanzierte Haltung, mit der der Ich-Erzähler von den zwei Arten sexueller Kontakte erzählt, die seinem Alltag den Rhythmus geben: Jenen ohne und jenen mit Geld, jenen mit und ohne körperliche Anziehung. Grandios findet Seibt auch, wie er seine Kunden beobachtet in einer Mischung aus Interesse, Mitleid, Witz und Abscheu. Und schließlich bewundert der Kritiker, wie die seltsame Atmosphäre der Erzählzeit, nämlich der Corona-Pandemie, in diesem ungerührten Ton der Erzählung zum Klingen kommt. Alles geschieht wie "hinter Milchglas" so Seibt: die inneren wie die äußeren Vorgänge. Und doch verbergen sich dahinter große Trauer und Liebe, die sich in zwei parallelen Handlungssträngen entfalten, fährt der Rezensent fort. Der eine erzählt vom Verlust des geliebten Vaters durch assistierten Suizid. Der andere von einer Obsession des Erzählers mit dem Modell eines berühmten Fotos von Peter Hujar, das, wie die obsessive Suche des Erzählers ergibt, an Aids gestorben ist. Diese andere große Pandemie wiegt am schwersten in diesem Buch, das jedoch Schweres in "bedenkliche Schwebe" zu bringen weiß, schließt der begeisterte Kritiker.
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