Elena Ferrante

An den Rändern

Cover: An den Rändern
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN 9783518432952
Gebunden, 94 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Barbara Schaden. In vier personal essays schreibt Elena Ferrante darüber, wie sie Leserin geworden ist und wie Autorin, welche Kämpfe sie austragen musste und austrägt und welchen ihrer Instinkte sie beim Schreiben folgt. Es geht um Einflüsse und Vorbilder, um Jane Austen, Emily Dickinson, Elsa Morante, Gertrude Stein, Ingeborg Bachmann, und es geht um die Frage, wie man es hinbekommt, über die Menschen zu schreiben und über die Welt, sozusagen wirklichkeitsgetreu - und was das eigentlich heißen kann: weibliches Schreiben.An den Rändern ist auch ein feministischer Schlachtgesang: der Appell, dass wir uns gegen "die böse Sprache" vereinen, eine Sprache, die historisch unter anderem der "Wahrheit der Frauen" fremd ist - zugunsten einer Idee des Lesens und Schreibens als kollektiver, vielstimmiger Erfahrung. Die Lust am Text, die Freuden des Lesens und die Abenteuer des Schreibens - und was bedeutet es, als Frau zu lesen, zu schreiben und zu leben? In ihren Essays macht Elena Ferrante die noch immer viel zu leisen Stimmen an den Rändern für uns hörbar.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.05.2026

Rezensentin Leonie C. Wagner kommt Elena Ferrante durch die Lektüre ihrer Essays so nah wie sonst nie. Hier "An den Rändern" erzählt die große italienische Autorin, deren ganzes künstlerisches Dasein auf der Anonymität ihres Alltags-Ichs gründet, erstmals in Ich-Form von sich, beschreibt sich als Person und als Autorin, zeichnet ihren Weg zur Literatur nach, schildert erste Schreibversuche, vor allem aber reflektiert sie ihr Verhältnis zu den großen, männlichen Vorbildern, ihren Helden, denen sie einerseits stets nachzueifern suchte, in deren Literatur sie sich andererseits aber als Frau gar nicht wiederfinden konnte. So entwickelt Ferrante in ihren Essays langsam, tastend eine "Art Poetologie", erklärt Wagner, oder bereitet diese zumindest vor: Für eine weibliche Literatur spricht sich die Autorin aus, die dem Hässlichen, dem Unordentlichen, der Intuition die Tür öffnet und sich zugleich ihrer Traditionen bewusst ist. Oder mit Ferrantes Worten gesagt: Sie will die traditionellen Formen "bewohnen", so die Rezensentin, und zugleich weiten, ja "deformieren", um darin als Frau überhaupt einen angemessenen Raum zu finden. Was aber genau dieses weibliche Schreiben vom männlichen unterscheidet, wodurch es sich auszeichnet, welche Wahrheiten darin Ausdruck finden, auf diese Fragen scheint Ferrante noch keine Antworten zu haben. Wagner meint jedoch zu spüren: Sie ist ihnen auf der Spur.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 24.04.2026

Vor zehn Jahren kam ihre Tetralogie zu zwei Freundinnen in Neapel raus, jetzt hat Elena Ferrante einen Essayband vorgelegt, in dem sie über ihre Faszination mit dem Schreiben an den Rändern und über die Ränder hinaus, in mehrfacher Hinsicht, nachdenkt, freut sich Rezensentin Carolin Gasteiger. Die Texte sind ursprünglich für eine Poetikvorlesung entstanden, die dann pandemiebedingt nicht stattfinden konnte, erfahren wir: Ferrante wahrt darin weiterhin das Geheimnis um ihre Identität. Ränder faszinieren sie, ist zu lesen, als Schulkind hat sie ständig über die Begrenzungslinien des Papiers hinausgeschrieben und ist dafür bestraft worden, erfahren wir. Als Leserin interessiert sie sich für die Texte, die jenseits der Ränder entstehen, die, beispielsweise als weibliches Schreiben, "nicht konform" sind, etwa Texte von Gaspara Stampa oder Virginia Woolf. Einige arg theoretische Passagen erschweren die Lektüre stellenweise, so Gasteiger, trotzdem hat sie den Band interessiert gelesen und empfiehlt ihn vor allem denen, die mit Ferrantes Werk bereits vertraut sind.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.04.2026

Mit ihrer Neapolitanischen Saga ist Elena Ferrante berühmt geworden, darin geht es um zwei Freundinnen, Lila ist eigentlich immer ein wenig klüger als Lenù und doch ist Lenù es, die Schriftstellerin wird und über diese Freundschaft schreibt, resümiert Rezensentin Jolinde Hüchtker. Nun hat Ferrante vier "beinahe nerdige" Essays über ihr Schreiben vorgelegt, in denen sich für Hüchtker auch die beiden Freundinnen aus den Romanen wiedererkennen lassen: In der Schule ist Ferrante mit ihrer Handschrift oft über den Rand der Hefte hinausgekommen und dann dafür bestraft worden, diszipliniertes und freiströmendes Schreiben wechseln sich dabei ab, wie es auch zwischen Lenù und Lila stattfindet. Auch die Frage nach der Identität spielt eine Rolle, keiner weiß, wer hinter dem Pseudonym Elena Ferrante steht und es soll auch keiner wissen. Die Kritikerin erfährt hier, dass die Autorin davon ausgeht, dass Schreibende immer aus vielen Ichs bestehen. Für Leserinnen und Leser von Ferrante und selbst Schreibende empfiehlt Hütchker die Essays, die die Romane als Produkte harter Arbeit zeigen.

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