Die Wege des Geldes sind unergründlich. Trotzdem bestimmt es unser Leben, also verfolgt Elfriede Jelinek hartnäckig seine Spur. Von der Bibel bis zu René Benko, von blanker Gier bis zu raffiniert getarnter Korruption, von Klassenkampf bis zu blutigen und kostspieligen Kriegen reicht die ewig währende Geschichte, die Jelinek diesmal jedoch ganz aus der Sicht von Tieren erzählt. Immer verständnisloser, dafür mit wachsendem Sarkasmus betrachten Kühe, Schweine, Tauben, das Lamm Gottes oder auch der "Für und Widder" uns Menschen dabei, wie wir konsequent an unserem selbst verschuldeten Unglück arbeiten - und am Ende ungebremst und fröhlich in die Apokalypse des Kapitalismus rasen. Denn klar ist in Unter Tieren: Die Welt ist aus den Fugen, und der Finanzmarkt wird es wohl nicht richten.
Rezensent Michael Eggers muss sich erst kurz orientieren in Elfriede Jelineks neuem Theater-Rohtext, wirkt dann aber zunehmend angetan. Der Text, das sind hier aneinandergereihte Monologe von Tieren, die einen wohl ganz schön überrollen können, vermittelt Eggers: vor sich hin "galoppierende", in keiner Weise auktorial im Zaum gehaltene Bewusstseinsströme, die den modernen Finanzkapitalismus umschwirren, verspotten, verstehen wollen, aber nicht verstehen. Eine Handlung gibt es nicht und die (für Jelinek ganz ungewöhnlichen) Sprechrollen scheinen dem Kritiker auch fast austauschbar. Aber im Gespräch mit Nicolas Stemann, der das Stück bald bei den Salzburger Festspielen uraufführen wird, tut sich für Eggers langsam das Programm dahinter auf: eine Art Entfesselung der Sprache, die dann selbst zum Nachdenken kommen kann - in Form von assoziativen Verkettungen oder ihren Sinn aus den Augen verlierenden Sätzen, die dann doch sehr gut zum großen "Nichts" passt, das sie umkreist: der inhärenten Un-Logik des Finanzsystems. Dass Jelineks Schreiben dabei nicht frei von theoretischem und literaturgeschichtlichen Ballast ist, tut für den Kritiker der systemkritischen Schusskraft ihres Textes keinen Abbruch.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.06.2026
In "Unter Tieren" tut Elfriede Jelinek das, was sie schon immer getan hat, auf ihre unvergleichliche Weise: sie schlägt zurück - gegen die allgemeine Verflachung des Geredes der Leute, so beschreibt Rezensent Paul Jandl die bewährte Jelinek-Methode. Im neusten Roman lässt sie dafür all die fabelhaften Tiere des symbolischen Bestiariums zu Wort kommen: Der schlaue Fuchs, der dumme Esel, der Finanzhai, sie alle geben ihr Wissen und ihre Perspektive zum Besten - auf die Finanzwelt, Korruption, Arbeit, Ausbeutung usw. während die Tauben munter "Picketty, Picketty" gurren. Stringente Argumentationen oder konkrete Kommentare zu konkreten Zusammenhängen sucht man hier zwar vergebens, aber suchen wird danach sowieso niemand, weiß der Kritiker, denn: es ist Jelinek. Stattdessen bekommt die gepflegt kapitalismuskritische Leserschaft genau das, was man von dieser Autorin erwartet: Eine ordentliche und erquickende Textwatsche, einen virtuosen, erbarmungslos aus- und abschweifenden, metaphernreichen Monolog, der sich um Kohärenz nicht kümmert und auch den Kalauer nicht scheut. Die Empörung ihres Publikums über das Beschriebene ist Jelinek sicher, aber ändern wird ihr "Sound für den Dissens" nichts, schließt Jandl.
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