Jon Fosse

Vaim

Roman
Cover: Vaim
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN 9783498007812
Gebunden, 160 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Ein Mann steigt in sein Boot, um über den Fjord in die Großstadt zu fahren. In jüngeren Jahren hat Jatgeir häufig Ausflüge nach Bjørgvin gemacht, Bars und Restaurants besucht und von der Begegnung mit einer Frau geträumt, die er lieben könnte. Dieses Mal will er Nadel und Faden kaufen, was sich als schwerer herausstellt als gedacht. Als er von den Kaufleuten betrogen wird, macht er sich angewidert von den Großstädtern auf den Rückweg und entscheidet spontan, auf einer Insel haltzumachen. Dort trifft er Eline wieder, seine Jugendliebe, nach der das Boot benannt ist. Eline hat gerade ihren Mann verlassen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.01.2026

Rezensent Franz Haas ist ziemlich zufrieden mit dem neuen Roman von Jon Fosse, dem ersten nach der Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis. Nicht zuletzt, weil der Norweger diesmal eine vergleichsweise irdische Geschichte erzählt. Die dreht sich um drei Männer, deren Leben sich wiederum um eine dominante Frau namens Eline drehen. Zunächst kommt Jatgeir zu Wort, der Elines Geliebter wird, dann Jatgeirs Freund Elias, schließlich Elines Ehemann Olaf. Das Sagen hat aber allein Eline, amüsiert sich der Kritiker. Ein wenig überirdisch wird es zwischendurch dennoch wieder, beruhigt der Rezensent eingeschworene Fosse-Fans. Und auch auf die in Endlossätze gefassten Männer-Monologe muss niemand verzichten. Aber auch die knappen Dialoge gefallen Haas, erscheinen sie ihm doch wie Gedichte. Und herrlich komisch sind sie auch noch, freut sich der Rezensent, der auch sonst viel Freude hat an diesem Buch mit seinen schweigsamen, aber trinkfreudigen Figuren.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 30.12.2025

Rezensent Oliver Jungen folgt nur zu gern den asketischen Männer- und willensstarken Frauenfiguren des Literaturnobelpreisträgers Jon Fosse. Diesmal baut er aus drei unterschiedlichen Ich-Perspektiven ein komplexes Perspektivspiel aus Nähe und Distanz: Aus der einen erzählt Jatgeir, ein älterer Junggeselle, der auf einer Sommertour auf Eline trifft, seiner Jugendliebe, erfahren wir. Die beiden kommen zusammen und Jatgeir distanziert sich dafür von Elias, seinem besten Freund und zweiten Ich-Erzähler, der nun mit Eline konkurrieren muss. Jungen sieht in dieser Veränderung der Beziehungsverhältnisse eine Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen der Nähe: platonische gegen romantische Liebe. Erzählt wird das Ganze in einer strudelartigen, repetitiven Sprache, in der endlose Sätze und Gedankenwiederholungen kunstvoll reduziert ineinanderfließen, lobt der Rezensent. Die Frage nach der Authentizität von Nähe schlechthin läuft Gefahr den Text allzu pessimistisch werden zu lassen, doch das wird laut Jungen von einem subtilen, "freundlichen Humor" perfekt austariert. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.12.2025

Rezensentin Christiane Lutz fühlt sich durchaus wohl in Jon Fosses zumindest zeitweilig überraschend lichtem, ja komischem neuen Roman. Von drei Männer und einer Frau erzählt das Buch, wobei die Perspektive von einem Mann zum anderen wechselt, während die Frau namens Eline das Bindeglied der Erzählung darstellt. Sie ist am Anfang mit einem Mann namens zusammen, ein anderer namens Jatgeier ist seit Ewigkeiten in sie verschossen und will sie für sich, dann ist noch einer namens Elias im Spiel. Geschrieben ist das alles ohne Punkt und Komma, wie stets bei Fosse, der diesmal allerdings nicht, wie man erwarten könnte, in tragischer Manier von der Liebe erzählt: Die Romanze zwischen Eline und Jatgeier kommt laut Lutz tatsächlich in Schwung, hier und da ist das Buch sogar ziemlich lustig. Keineswegs sollte man die Geschichte auf tieferliegende, etwa psychologische Bedeutungen abklopfen, stellt Lutz klar, Fosse erzählt hier schlicht von den Irrungen einer Handvoll Menschen, die sich in keine eindeutige Dramaturgie fügen, was der Rezensentin allerdings insgesamt gut zu gefallen scheint.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.12.2025

Etwas befremdet aber insgesamt zugetan bespricht Rezensentin Jolinde Hüchtker Jon Fosses neuen Roman. In dem Buch, das sich wieder einmal als einziger Endlossatz entfaltet, geht es zunächst um einen Mann, Jatgeir, der seine Zeit am liebsten alleine auf seinem Boot verbringt, sich aber nach einer Frau sehnt, nach Eline, mit der er dann auch zusammenkommt. Später im Buch tauchen noch zwei andere Männer auf, die sich ebenfalls mit Eline zusammentun, wobei es, so Hüchtker, offensichtlich die Frau ist, die die Initiative hat und die Männer einsammelt. Die Rezensentin fragt sich, in welcher Zeit diese Geschichte wohl spielt, Insignien der modernen Welt fehlen komplett in diesem Reich der schweigenden, einsamen Männer und kargen Landschaften. Alles in allem ist das Buch ziemlich rätselhaft geraten, und auf eine Lösung des Rätsels sollte man nicht hoffen, rät die Rezensentin. Lässt man sich eben darauf ein, kann man aber am neuen Fosse schon seine Freude haben, schließt sie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.12.2025

Rezensentin Judith von Sternburg kann mit den fehlenden Punkten in Jon Fosses neuem Roman, Auftakt zu einer Trilogie, prima leben. Die Geschichte um drei wortkarge Männer am Fjord und eine ziemlich coole Frau, um die die drei kreisen, kommt gewohnt minimalistisch und mythologisch daher, hat einen Sog, wie Sternburg versichert, und entwickelt bei aller Tragik auch einen "unheimlichen Witz". Die ganze Intensität der Einsamen steckt darin und der Text wird immer wieder "beiläufig existenziell", freut sich Sternburg. Hinrich Schmidt-Henkels Übersetzung gefällt ihr ausnehmend gut, da lässig, aber nicht zu sehr. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 12.12.2025

Für Stephanie von Oppen bestätigt Jon Fosses neues Buch einmal mehr die Wirksamkeit von Fosses karger, sich in endlosen Sätzen dahinwälzender Sprache. Das kleine Buch über drei einsame Männer in der norwegischen Fjordlandschaft und ihr Kreisen um eine von allen dreien verehrte Frau zieht die Rezensentin in seinen Bann. Auch, da Fosses subtiler Humor die Geschichte begleitet. Die drei jeweils von einem der männlichen Protagonisten erzählten Kapitel sind für Oppen eine intensive, anrührende und lang nachwirkende Lektüre.

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