Matthes und Seitz, Berlin 2026
ISBN
9783957575722 Gebunden, 512 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Claudia Hamm. 2023 stirbt Hélène Carrère d'Encausse, die berühmteste Russland-Historikerin Frankreichs und Vorsitzende der Académie française, und kurz darauf ihr Mann Louis. Beim Ausräumen ihrer Wohnung entdeckt Emmanuel Carrère die Nachforschungen seines Vaters zum weitverzweigten Stammbaum der Familie, und er beginnt, durch die großen Umbrüche des 20. und 21. Jahrhunderts hindurch humorvoll, zärtlich und manchmal voller Grauen die Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten von vier Generationen in Russland, Georgien, im deutschen Exil und in Frankreich nachzuzeichnen. Wie politische Geschichte die persönliche schlagartig umwerfen kann, wird dabei bis in die Jetztzeit erkennbar, das heißt bis zum Ukraine-Krieg, dessen Beginn Carrère in Moskau miterlebt, und den Umwälzungen in Georgien, denen sich seine Cousine, die Präsidentin Salome Surabischwili, stellen muss. Die Entstehung eines "gigantischen Dystopia" und die weltweite Fassungslosigkeit darüber werfen einmal mehr die Frage auf, wie wir uns unser Leben erzählen. Carrères Mutter begegnete diesem unheimlichen Chaos mit Disziplin und Intelligenz, aber auch der Verdrängung von Traumata: Als Spross eines georgischen Kollaborateurs und einer mittellosen russischen Adeligen bestand ihr Leben oft aus Anpassung und Scham, zugleich aber auch der Freiheit, sich neue Realitäten zu erschaffen. So taucht dieser Roman tief in "die horizontale und vertikale Dimension" von Beziehungen ein, um auf der für Carrère typischen Suche nach Wahrheit persönliche und staatliche Lügen, Illusionen und Scheinrealitäten zu durchbrechen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2026
Rezensentin Zelda Biller lässt sich von Emmanuel Carrère dessen neuen Roman erklären, den sie als Schlüssel zu dessen Werk begreift. Keine Fiktion, sondern Reportage sei das, so der Schriftsteller. Das Buch erzählt die Geschichte seiner weitverzweigten Familie, im Mittelpunkt steht seine Mutter, die eine berühmte Sozialhistorikerin in der UdSSR war, und ihre russisch-georgische Migrationsgeschichte. Es geht auch um den Vater, aus dessen Archiv der Autor für das Buch geschöpft hat, so Biller. Die Kritikerin liest die Erzählung als Panoptikum einer "untergangenen" Welt und kleine Geschichte des 20. Jahrhunderts. Carrères lässiger, feiner Stil erscheint Biller nachahmenswert. Gut gefallen hat ihr der Ausgriff ins 21. Jahrhundert und zum Krieg in der Ukraine, der die persönliche Geschichte an die Gegenwart anschließt, wie sie schreibt.
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