Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Antonia lebt unglücklich verheiratet in Palermo, ihr kleiner Sohn, der einzige Hoffnungsschimmer, wird ihr entzogen. Als mit dem Tod der Nonna Familiendokumente in ihre Hände gelangen, verbringt sie ganze Tage und Nächte über alten Briefen, Zetteln und Fotos - und die Erinnerung spricht: Da war auf der einen Seite der jüdische Großvater, Kunstsammler, der in den Dreißigerjahren aus Wien geflohen ist, auf der anderen eine englische Familiendynastie in Sizilien. Die schwierige Kindheit und Jugend, zwischen Nassau auf den Bahamas, Kitzbühel und London. Der frühe Tod des Vaters. Die Mutter, die sich neu verheiratet und Antonia in Internaten oder bei der Großmutter in Genf deponiert. In Antonias Tagebuch wechseln aufkommende Erinnerungen mit Einträgen über ihren sizilianischen Alltag ab, der immer bedrückender wird. Bis sie schließlich den Mut fasst zu einem ungeheuerlichen Schritt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2020
Rezensent Niklas Bender ist nicht vollkommen überzeugt von dieser Geschichte der Befreiung einer Frau von ihrer Familie. Er unterstellt der Geschichte autobiografische Momente, da die Autorin wie ihre Protagonistin aus einer großbürgerlichen, kosmopolitischen Familie mit jüdischen Vorfahren stammt. Das "Pathos" der Gesamtkonstellation, so merkt er an, wird immerhin durch Präzision gezügelt. Obgleich ihm der Emanzipationsprozess der Protagonistin eingeleuchtet hat, stellt er den Gewinn desselben doch in Frage - da zwar die Frau sich befreien kann, jedoch wieder ein Kind, ihr geliebter Sohn, verlassen werde - wie auch sie als Kind verlassen wurde. Das findet der Kritiker zu "simpel" - und man weiß nicht recht, ob er dies als moralische oder ästhetische Kategorie meint.
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