Herausgegeben von Nicola Behrmann und Christa Baumberger unter Mitarbeit von Simone Sumpf. Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann. Zwei literarische Wiederentdeckungen über Frauenschicksale Anfang der zwanziger Jahre, die ein Jahrhundert später nichts von ihrer aufrüttelnden Wirkung eingebüßt haben. Nach Erscheinen ihres zweiten Romans "Das Brandmal" im Jahr 1920 galt Hennings als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Die radikale und selbstzerstörerische Aufrichtigkeit des Mädchens Dagny, das ruhelos durch die deutschen Städte zieht und sich zeitweise zur Prostitution gezwungen sieht, wurde mit den Romanen Hamsuns und Dostojewskijs sowie den "Bekenntnissen" von Augustinus und Rousseau verglichen. Auch heute liest sich der Roman als eindringliches Zeugnis eines bedrängten Lebens, das an Aktualität nichts verloren hat. Die 1923 erschienene Erzählung "Das ewige Lied" ist der Fiebermonolog einer Sterbenden, der in vielerlei Hinsicht an "Das Brandmal" anknüpft. Von der Literaturgeschichte nahezu vergessen, wird dieses Werk hier erstmals wieder aufgelegt. Der zweite Band der Kommentierten Studienausgabe enthält beide Texte nach dem Erstdruck ediert und von einem ausführlichen Stellenkommentar begleitet. Eine umfassende Rezensionssammlung dokumentiert die beeindruckende Wirkungsgeschichte, vor allem von "Das Brandmal". Im Nachwort werden die biografischen Hintergründe beider Werke sowie deren Rezeptionsgeschichte und literarische Bedeutung erstmals fundiert aufgearbeitet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2017
Dass die zu Beginn der 1920er Jahre gefeierte Schriftstellerin Emmy Hennings bald in Vergessenheit geriet, kann Rezensent Friedmar Apel nachvollziehen. Zwar liest der Kritiker die in der Erzählung "Das Brandmal" in "raffinierter Schlichtheit" geschilderten Erlebnisse der Ich-Erzählerin Dagny, die als Freudenmädchen, Schmierenkomödiantin und Hausiererin durch Kneipen, Nachtclubs und Varietés zieht, zunächst durchaus bewegt. Bald kann ihn aber auch die vorbildlich gestaltete Ausgabe, die mit Stellenkommentar, Dokumentation der zeitgenössischen Rezeption, Nachwort und Literaturverzeichnis alles bietet, nicht darüber hinwegtrösten, dass das mit "barocker" Theatralik vorgetragene "Ergötzen am Anblick einer sinnentleerten Welt" auf Dauer ziemlich nervt.
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