Das Wohnen ist heute in mehrfacher Hinsicht zum Problemfall geworden. Das veranschaulicht der Architekt und Stadtplaner Ernst Hubeli in dieser pointierten Streitschrift, die die Wohnungsfrage, schon von Friedrich Engels gestellt, für das 21. Jahrhundert neu verhandelt. Ein Problemfall ist das Wohnen in ästhetischer Hinsicht: Die Vielfalt unserer Lebensentwürfe passt längst nicht mehr in den Einheitsbrei von 3-Zimmer/Küche/Bad. Vor allem aber hat der Gebrauch beziehungsweise Verbrauch von Boden in den letzten zwanzig Jahren eine soziale und ökonomische Krise der Städte ausgelöst und deren Peripherien veröden lassen. In ganz Europa kauft das Großkapital Immobilien als Spekulationsobjekte auf. In Städten wie München oder Zürich, Stuttgart oder Berlin ist der Wohnungsmarkt zu einem Glücksspiel geworden, bei dem man froh sein kann, wenn am Ende ein Trostpreis winkt. Wien hat einiges besser, aber auch nicht alles richtig gemacht. Und in den USA hat der Traum vom Eigenheim auf Pump eine Schuldenkrise ausgelöst, die das globale Finanzsystem an den Kollaps geführt hat. Doch das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht, für das es zu kämpfen gilt, denn es steht mehr auf dem Spiel als nur die eigenen vier Wände.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 19.08.2020
Die Wohnungsfrage ist eigentlich eine Bodenfrage, lernt Oliver Herwig und empfiehlt Ernst Hubelis Streitschrift "Die neue Krise der Städte" nicht nur wegen ihrer Eleganz, sondern auch wegen ihrer Wucht. "Unverdiente Gewinne" heißt der Profit, der sich allein aus der Steigerung des Bodenwerts ergibt, berichtet Herwig weiter, und natürlich habe der Stadttheoretiker Hubeli jede Menge Ideen, wie man diesen Gewinn für die Allgemeinheit abschöpfen kann. Und noch etwas erfährt der Rezensent: Hubeli schätzt nach einem Blick auf die Paradise Papers, dass bei ungefähr der Hälfte des Immobilienumsatzes in den vergangenen Jahren Schwarzgeld bewegt wurde. Auch dies für den Autor - und den Rezensenten - ein Grund, den Spekulationen mit dem Gut Wohnen Einhalt zu gebieten.
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