Der Tagliamento ist kein langer Fluss. Er entspringt in den Friulanischen Dolomiten und fließt durch die abfallenden karnischen Alpen in südöstliche Richtung, bis er am Zusammenfluß mit dem Fella nach Süden abknickt und in die Ebene eintritt. Im Oberlauf hat der Fluss zwischen Felsenhängen aus Metamorphit- und Sedimentgesteinen ein Bett gegraben, das sich unversehens weitet. Die Farben der Gesteine ändern sich mit dem Licht, vom stumpfen Grün über gneisiges Grau bis hin zu gelblich-schrundigen Felsnarben bei Villa Santina, die im Sonnenlicht wie Versehrung, im Regen wie eine große Verfleckung des Hangs wirken, in der Nacht fahl stehen. Bergschorf, in dem das Dunkel nie ganz verfängt, ohne ein Büschel Grün. Verbliebene Wundflächen von Erschütterungen, womöglich eine Folge der unzähligen kleinen, oder den beiden großen letzten Erdbeben, Jahrhundertspuren einer Verschiebung des Geländes, der Lage des Dinge.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.08.2021
Rezensent Tobias Lehmkuhl freut sich schon auf weitere Texte von Esther Kinskys über ihre neue Wahlheimat am Tagliamento. Die Gedichte und Prosastücke in diesem Band erfreuen ihn vorläufig mit Eindrücken aus einer Mondlandschaft mit Brachvogel und Kiebitz, Lichtnelke und Wolfsmilchgewächsen. Schön findet Lehmkuhl die Beschreibungen der norditalienischen Flusslandschaft. Dass Kinsky mehr will, ahnt er aber auch. Den Blick der Autorin vergleicht er mit dem einer Biografin, die eine Charakterstudie des Geländes vorlegt. Der im Vergleich zu früheren Arbeiten laut Rezensent leichtere Ton macht die Sache für ihn nicht weniger attraktiv.
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