Aus dem Spanischen von Lutz Kliche. In einem Bordell von San Jose kommt ein Zyklop, ein einäugiges Kind zur Welt, das folgerichtig auf den Namen Polyphem getauft wird. Die Huren verstecken den Jungen und Jeronimo, Ex-Mönch und Bruder der Bordellköchin, kümmert sich um ihn und bringt ihm die Welt bei, wie er sie aus den gelehrten Büchern kennt. Mit einer Baseballkappe über dem Auge bricht Polyphem aus in die Stadt und spielt mit den Straßenkindern. Jetzt ist auch Jeronimo bereit, sich von Polyphem mitnehmen zu lassen, und gemeinsam ziehen sie durch die Straßen und Märkte, der Möch und das Kind.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2003
Im Mittelpunkt von Castros Entwicklungsroman steht ein "Zyklopenkind", ein Kind, das mit nur einem Auge über der Stirn geboren wird, erklärt Rezensentin Klara Obermüller. Will uns der Autor an Homers mythologische Saga des Odysseus erinnern, fragt sie, zumal das Zyklopenkind den gleichen Namen trägt wie der Zyklop bei Homer: Polyphem. Oder ist dieses Kind mit einer Missbildung auf die Welt gekommen, an der Giftskandale und schwere Umweltschädigung ihren Anteil tragen? Beides, lautet Obermüllers Antwort. Sowohl die mythologische Ebene wie die Symptomatik einer zerstörten Umwelt spielten bei Castro eine Rolle, und dem Autor gelänge es, zwischen diesen beiden Ebenen problemlos hin- und herzuspringen, ja sie sogar wie "selbstverständlich ineinander übergehen" zu lassen. Castro sei mit den Mitteln des "magischen Realismus" gut vertraut, bescheinigt Obermüller dem costaricanischen Literaturprofessor aus San Jose; die Räume des Phantastischen sind ebenso von dieser Erde wie Industrielabore und naturwissenschaftliche Forschungsstätten. Eine ebenso skurrile wie anrührende "education sentimentale", schreibt Obermüller, die "Der Mönch, das Kind und die Stadt" miteinander erleben.
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