Florian Klenk

Ausreden

Elfriede Blauensteiner - Ein Bekenntnis
Cover: Ausreden
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2026
ISBN 9783552076211
Gebunden, 144 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Elfriede Blauensteiner, bekannt als "schwarze Witwe", wurde Anfang 1996 verhaftet und später wegen mehrfachen Mordes an Pflegefällen und Partnern verurteilt. Hier spricht sie in einer dokumentarischen Selbstaufzeichnung. Was man hier liest, ist kein Roman, kein Krimi, sondern ein aufgeschriebenes Leben. Hier wird ausgesagt. Aus Protokollen, Gutachten, Auskünften entsteht ein Monolog, der uns zwingt, unsere Vorstellungen von Schuld, Gerechtigkeit und Empathie neu zu justieren. Natürlich geht es darin um Schuld, aber nicht im juristischen Sinn. Ja, diese Frau hat Menschen ermordet. Aber wer mit sieben Jahren weiß, dass die eigene Mutter den Tod des Kindes mehr ersehnt als seine Gesundung, der entwickelt keinen Sinn für Moral. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 28.03.2026

Spannend und ungewöhnlich findet Rezensent Jan Drees die "erste ernstgemeinte künstlerische Auseinandersetzung" mit dem Stoff Elfriede Blauensteiner. Denn die in den neunziger Jahren überführte Serienmörderin, die aus Geldgier mehrere Ehemänner (und auch Frauen) ermordete und in der Klatsch-Presse zur "Gift-Witwe" wurde, liefert in Klenks Bearbeitung passend zur nie einsetzenden Reue nur "Ausreden", sie darf aber auch, so liest Drees den Titel, einmal "ausreden" - und zwar überraschenderweise in Versform: wie der Autor in dieser "Moritat" auf die Gewalterfahrungen zu sprechen kommt, die auch Elfriede Blauensteiner selbst als Kind machte - ihre Schwester etwa wurde ausgehungert, die Eltern gingen am selben Abend noch ins Kino -, scheint der Kritiker zumindest interessant zu finden. Auch die gesamtgesellschaftlich herrschende Gewalt des 20. Jahrhunderts tritt ihm hier eindrücklich entgegen. Wegrelativiert werden die grausamen Taten der Porträtierten aber nicht, denn die Opfer kommen auch zu Wort, besonders in einer nachgeschalteten "dokumentarischen Nachrede" zum Text, stellt Drees klar. In der Summe ergibt sich für den Kritiker so ein durchdachtes, schwindelerregendes Spiel mit einem "moralischen Schmerzpunkt" - der Empathie gegenüber Tätern -, das seinen Respekt zu ernten scheint.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.02.2026

Rezensent Paul Jandl vertieft sich in ein dunkles Kapitel österreichischer Kriminalgeschichte: Der Journalist Florian Klenk hat den Fall der Serienmörderin Elfriede Blauensteiner aufgerollt. Blauensteiner ermordete auf perfide Weise mehrere ältere Männer, die sie vorgab, zu pflegen. Stattdessen vergiftete sie sie langsam, um an deren Erbe zu gelangen. Klenk hat sich in die Polizeiakten des Falls vertieft, lesen wir, und in seinem Buch  Zitate aus den Gesprächsprotokollen montiert. Dadurch entsteht fast eine Art düstere Poesie, meint der Kritiker: "Wenn die Mutter einen auf den Boden tritt, / dann können Sie sich vorstellen, / wie der Stiefvater war." So erzählt Blauensteiner von ihrer schlimmen Kindheit, geprägt von Gewalt durch emotional völlig verwahrloste Eltern. Zwischen "Voyeurismus und einem Gestus der Aufklärung" bewegt sich Klenks Buch, meint Jandl, der in der Geschichte der Mörderin die größeren historischen Zusammenhänge gespiegelt sieht. So ganz ist Jandl nicht einverstanden mit der These, dass sich in den Taten dieser Frau die Verrohung der österreichischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit niederschlägt - das ist ein etwas "freihändiger Umgang" mit Tätermotiven, der für die Opfer wenig hilfreich sein wird. Interessant ist dieser Fall, in dem nach wie vor einiges ungeklärt ist, allerdings nach wie vor für den Kritiker. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2026

Rezensent Hannes Hintermeier liest mit gemischten Gefühlen, wie der Journalist Florian Klenk die dreifache Mörderin Elfriede Blauensteiner und ihre Giftmorde an Pflegebedürftigen einer Revision unterzieht. Wie ein Langgedicht fasst Klenk das Gesprächsprotokoll einer Gerichtspsychiaterin laut Hintermeier auf effektvolle Weise und so, dass Authentizität entsteht und die Geschichte einer von Armut und Gewalt geprägten Kindheit im Vorkriegswien. Für Hintermeier wird die Täterin zum Opfer, "das sie tatsächlich war". Trotz der Effekte, die der Autor kalkuliert, stimmt der Band den Rezensenten nachdenklich.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 30.01.2026

Dass Geschichten von Mord und Totschlag nicht nur für True-Crime-Podcasts und die Boulevard-Presse interessant sind, sondern auch gesellschaftlich relevant sein können, beweist Florian Klenk mit seinem fiktionalisierenden Monolog der realen Mörderin Elfriede Blauensteier, erklärt Rezensent Benjamin Knödler. Mindestens drei Menschen, vor allem ältere Männer, hat Elfriede Blauensteiner ermordet. Für "Ausreden" hat der Journalist die Protokolle ihrer Aussagen analysiert und zu schlichten und dennoch eindringlichen und poetischen Versen verdichtet - Verse, die den Blick auf ein Leben freigeben, das von Armut, Gewalt und sozialer Kälte geprägt ist, lesen wir. Dass Klenks außergewöhnlicher Zugang zu dieser Geschichte nicht relativierend wirkt, ist seinem journalistischen Nachwort zu verdanken, indem er die Taten, Opfer und verstörenden Motive der Täterin klar benennt. Diese Täterin jedoch, das wird klar, ist auch das Produkt einer verrohten Gesellschaft, die der gegenwärtigen alarmierend ähnlich ist, so der Rezensent.

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