Franzobel

Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit

Roman
Cover: Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2002
ISBN 9783552051805
Gebunden, 176 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Die unerlöste Seele der vor achtzig Jahren verstorbenen zweijährigen Rosalia wandert über die ganze Erde bis nach Wien, mitten durch ein Panoptikum an dicken Damen und feisten Feschaks, Taugenichtsen und Tagedieben, in den Körper von Elvira Klappbauch. Da gibt es die dicke Pasqualina, die auf dem Heldenplatz die Asche ihres Vaters verstreuen will, den Journalisten Zsmirgel, der Nachrufe auf prompt versterbende Personen schreibt und andere kuriose Existenzen. Was passiert, bevor Rosalias Seele vor einem Bankomaten zur Himmelfahrt ansetzt, das arrangiert Franzobel als grandiose Farce.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.06.2002

Mit "Lusthaus" hat Franzobel versucht so etwas wie einen Roman zu schreiben, kündigt Gerald Schmickl an. Doch ein Roman - das wäre zu viel gesagt, meint der Rezensent. Eher handle es sich hier um "orgiastische Monologe", in die Franzobel "raffiniert rhythmisierte" "liturgische Texte" hineinmontiert habe. Schmickl gibt sich als großer Fan von Franzobel zu erkennen und lobt begeistert die Szenen über die Seelenwanderung der zweijährigen Italienerin Rosaria in den Körper der Wienerin Elvira Klappbauch. Allerdings erlaubt sich der Rezensent doch eine kleine kritische Anmerkung: Sein Figurenkabinett hätte Franzobel etwas überschaubarer gestalten können, und auch ein wenig "emblematische Zurückhaltung" bei der Namensgebung hätte dem Werk sicher nicht geschadet, ist Schmickl überzeugt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2002

Der "Trafostation Franzobel" bescheinigt Rezensent Martin Halter "eine hohe elektrische Spannung". Souverän sei die auch die Beherrschung der Sprache. Im vorliegenden Fall schwimme sie im barocken Fett. O-Ton: "ölig glänzt, süßlich schmeckt der Wortwitz". Angesteckt, schreckt Halter vor keiner Metapher zurück: Feixend fische Franzobel Perlen aus der Kloschüssel und verwandele "sedimentierten Dünnpfiff in geschliffene Diamanten". Da will man natürlich wissen, wovon der Roman handelt, der unseren Rezensenten so inspiriert. Man liest von einem gewissen Manker, der uns als "frommer Urinliebhaber" und Erzschwindler vorgestellt wird. Auch ist von "Strizzis, süßen Mädels und feschen Nazis" die Rede, von "Lausbubenstreichen und Totentänzchen". Irgenwann wird es dem Rezensenten mit den Gemeinheiten doch zu viel. Allzu viele Mumien lebloser Comicfiguren verstopfen am Ende die Szenerie und die Ätzlauge hat schließlich auch die Romanform zersetzt. Halter versteht: die Enttäuschung von Leseerwartungen gehört zum "Klippschulstoff der Bosheit".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.04.2002

Ganz ohne Zweifel ist der "Tausendsassa der österreichischen Literatur" Franzobel ein "Meister der hochartifiziellen Trivialliteratur", meint Rezensent Anton Thuswaldner. "Gutwillig" müsse der Leser aber schon sein und vor allem bereit, sich auf eine Berg- und Talfahrt zwischen Frohlocken, Prahlen, Dreck, Unrat, Pöbeleien und Randale zu begeben, warnt der Rezensent. Lässt er sich darauf ein, erwartet ihn aber eine interessante Reise ins Abwegige, Schräge und Groteske, verspricht Thuswaldner. So auch in dem neuen Roman des Sonderlings, in dem die Protagonistin Rosalia Lombarda zweimal sterben muss, einmal als Kind in Palermo, ein zweites Mal als Frau Klappbauch in Wien, ehe ihre Seele auf dem Saturnmond Titan Ruhe findet, berichtet der Rezensent, der in dieser Konstruktion Elemente der Gothic Novel mit Science Fiction und Slapstick in trauter Eintracht verbunden sieht. Der Eklektizist Franzobel lasse seinem "Sprachmaschinchen" freien Lauf, da müsse es der Leser auch schon mal in Kauf nehmen, dass sich die Sprache ab und an "ins Leere" verlaufe, denkt Thuswaldner versöhnlich, der vom Autor sichtlich fasziniert ist, auch wenn dessen Prosa eigentlich "ein Bluff" sei.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.04.2002

Geliebt gehasstes Österreich, was wären Deine Literaten ohne Dich? Eines ist für den Rezensenten Franz Haas klar: Der "invertierte Patriot" Franzobel braucht Österreich, ohne dieses Hassobjekt wäre seine Kunst brotlos, denn er nährt sich von der "vermeintlichen Leiche" Österreich und sorgt so dafür, dass der "metaphorische barocke Kadaver" erhalten bleibt, indem er ihn kultiviert. Auch mit dem Roman "Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit" legt Franzobel nach Einschätzung des Rezensenten wieder ein "funkelndes pandaemonium austriacum" vor, einen "todeslustigen Reigen von einigen Randfiguren im allerneuesten Österreich" voller Ausschweifungen, Perversionen und Phantasie. Die genaue Handlung des Romans hält Haas für unwichtig - aber immerhin verrät der Rezensent, dass es sich dabei um einen "obskureren Tumult von Lieben, Spinnereien und Perversionen" handelt, dem es nicht an Sex, Suff, Politik und Gemetzel fehlt. Damit kann sich der Rezensent durchaus anfreunden, schließlich machen Franzobels "wuchernder Pomp", sein "Sprühfeuer von Einfällen", die "anarchische Bilderflut" und sein im Gegensatz zu Jellinek oder Menasse verspielter, "süffiger Spott" richtig Laune. Bei allem Kruden und Hässlichen erscheint dem Rezensenten Franzobels Welt aber immer auch als "verschroben aktuell, zeitgeschichtlich auf dem neuesten Stand und massenpsychologisch vielleicht sogar noch weiter". Wem Österreich eher gleichgültig ist, wird von dem Roman wenig haben, so der Rezensent abschließend. Aber: "Für die Liebhaber und für die Verächter Österreichs muss dieser Roman ein Leckerbissen sein."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.03.2002

Wer Franzobel liest, kriegt den "Wind immer von vorne" und "diebisch sprühende Vokale und Konsonanten" in die Hacken, verspricht Hauke Hückstädt, und diese Dynamik lasse den Leser Inhalt und Konventionen vergessen. Der Eindruck stellt sich auch beim Lesen seiner begeisterten Besprechung ein, in der Hückstädt stark auf ältere Texte des Autors eingeht und viele klingende Attribute für ihn findet: "Vokabel-Percussionist", "Imaginationsklimperer" oder "jaulende Österreich-Hammondorgel". Im neuen Roman nun, erfahren wir, geht es um die Leiche einer Zweijährigen, die im Jahre 1920 in Palermo einbalsamiert und in einer Katakombe zur Schau gestellt wird; viele Jahre später fährt die Seele des unerlösten Mädchens in den Körper einer Frau, und agiert von dort aus als "Sonde" für Franzobels Beobachtungen "tumultiger" Geschichten und Menschen in Wien. Der Roman, so Hückstädt, liefere dennoch kein Psychogramm der jungen österreichischen Gegenwartsgeneration, sondern so etwas wie eine "frühe, schrammelig seismografische Aufnahme vom Menschen, wie er war und bleiben müsse".

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