G.E. Trevelyan

Appius und Virginia

Roman
Cover: Appius und Virginia
Manesse Verlag, Zürich 2024
ISBN 9783717525578
Gebunden, 400 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Renate Haen. Mit einem Nachwort von Ann Cotten. Virginia Hutton, eine studierte Soziologin, lässt sich auf ein spektakuläres Experiment ein: Sie zieht einen Orang-Utan-Säugling als Menschenkind auf. Sie wickelt ihn, füttert ihn mit der Flasche, singt ihn in den Schlaf. Virginia ist für ihren Schützling abwechselnd fürsorgliche Mutter, fordernde Lehrerin, kühl berechnende Wissenschaftlerin. Und Appius erweist sich zu ihrem und unserem Erstaunen als beeindruckend gelehriger Schüler, lernt sprechen, lesen, aufrecht stehen und gehen, schließlich seine Mahlzeiten mit Messer und Gabel einzunehmen. Virginia bringt Appius bei, menschlich zu sein. Doch je klüger er wird, desto mehr nähert er sich jener Entdeckung, die Virginia ihm am liebsten ersparen möchte: wer er wirklich ist. Alle Welt kennt die Geschichte, in der ein Mensch als Käfer aufwacht und versucht, mit seiner tierischen Gestalt zurechtzukommen. Wenige Jahre nach Kafka schuf G.E. Trevelyan eine umgekehrte, nicht minder beklemmende Versuchsanordnung: Ein Affe findet sich als Mensch wieder. Der Roman stellt tiefgründige Fragen nach der Conditio humana: Wer oder was ist der Mensch? Was unterscheidet ihn von seinen Artverwandten aus dem Tierreich? Und - wie weit darf die Wissenschaft bei der Vermenschlichung nicht-menschlicher Kreaturen gehen?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2024

Rezensent Hendrick Buchholz entdeckt eine vergessene Erzählung von G.E. Trevelyan über eine ehrgeizige Nachwuchsakademikerin, die einen Affen mit Namen Appius zu menschlichem Verhalten erziehen will - bis zu dem Punkt, dass sie ihm versichert, er sei ein Mensch. Das Projekt hat, so Buchholz, damit zu tun, dass die Akademikerin Virginia Hutton aus der männerdominierten Welt der Universitäten ausgeschlossen wird und damit ein Statement abgeben will. Buchholz zeigt sich begeistert von der philosophischen Tiefe des Texts: Fragen nach dem, was das menschliche Leben ausmacht, oder nach einer möglichen Definition des Menschen durchziehen Trevelyans Erzählung, so der Rezensent. Schließlich gerät Appius in eine Identitätskrise. Er vergleicht sein Spiegelbild mit einer Buchillustration und erkennt, dass er ein Affe sein muss. Mit Begeisterung liest Buchholz diesen Höhepunkt der "phantastischen und unterhaltsamen Geschichte", denn gerade diese Zweifel an sich selbst machen Appius sehr menschlich, wie Buchholz findet.

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