Es ist ein merkwürdiges Phänomen, dass die Literaturwissenschaft bis heute die gesamte Jugendlyrik von Frank Wedekind aus den Jahren 1877 bis 1889 nicht wahrgenommen hat. Rund 90 Jahre nach seinem Tod weiß man, dass Wedekind ein entscheidender Wegbereiter des neuen Theaters war, als Klassiker der Moderne gilt und als Lehrer von Berthold Brecht dessen Songs entscheidend beeinflusst hat. Seine ersten dichterischen Gehversuche in Lenzburg, die durch seine amourösen Abenteuer geprägt waren, bleiben jedoch bis heute im Dunkeln. Der Autor präsentiert mit "Liebesklänge" eine gelungene Kombination von ausgewählten Lyrik-Manuskripten und Zeichnungen verschiedener Lebensabschnitte des jugendlichen Wedekind, die er chronologisch geordnet in Beziehung zu seinen biografischen Daten setzt und die dadurch unmerklich zur Interpretation führen. Durch die exzellente Auswahl der Gedichte und Bilddokumente entsteht vor unseren Augen ein lebendiges Bild Wedekinds. Georg W. Forcht wurde bei dieser Veröffentlichung erstmals die Möglichkeit eröffnet, Teile des bisher unter Verschluss gehaltenen Familienarchivs und nicht freigegebener Manuskripte auszuwerten und zu publizieren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2007
Helmuth Kiesel weiß zwar, dass Frank Wedekinds frühe Lyrik auch in der Darmstädter Ausgabe zu finden ist, dem Band von Georg W. Forcht spricht er die Daseinsberechtigung dennoch nicht ab. Schließlich gibt es hier auch Wedekinds Handschrift und Illustrationen zu bewundern. Und, bei aller literarischen Bedeutungslosigkeit dieser Verse, die Kiesel einräumt, doch "umsichtig" kommentierte Werkgeschichte zu entdecken. Diese Jugendlyrik nämlich gibt sich dem Rezensenten zu erkennen als "vorzügliche Einübung" für Wedekinds spätere Verse "von Heine'scher Bissigkeit und Eleganz".
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