Aus dem Französischen von Trude Fein. Als im Mai 1940 die Deutschen in Belgien einmarschieren, stürmt Marcel Féron mit den anderen Bewohnern des nordfranzösischen Ardennenstädtchens Fumay den nächsten Zug nach Süden, Richtung Sicherheit. Während seine schwangere Frau und die kleine Sophie erster Klasse reisen dürfen, wird Marcel zusammen mit anderen "Gesunden" in einen Viehwagen verfrachtet. Bei jedem Zwischenhalt drängen sich neue Flüchtlinge in den brechend vollen Zug, Belgier, Holländer und auch eine aus dem Gefängnis von Namur getürmte Halbjüdin, Anna. An der Loire wird Marcels Viehwagen vom restlichen Zug abgehängt. Zwischen der todesmutigen Widerstandskämpferin Anna und dem kriegsuntauglichen braven Marcel entsteht eine leidenschaftliche Liebe, die den beiden zwei Jahre später zum Verhängnis wird.
Es gibt zwei große Fehler, wenn es um das Verhältnis eines Menschen zu seiner eigenen Lebensdauer und zur Geschichte ist, weiß Franz Schuh: er kann sie gleichsetzen, verlangen, dass jedes signifikante Ereignis der Geschichte, auch in die eigene Lebensdauer fällt - das ist das diktatorische Verhältnis. Er kann aber auch die Bedeutung der Geschichte für sein Leben missachten und nur von den Ereignissen mitgerissen werden, erklärt der Rezensent, und um diesen zweiten Fehler geht es in Georges Simenons Roman "Der Zug". Der Ich-Erzähler Marcel Féron hat an den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges kaum teil, weder als Soldat oder Funktionär, als Opfer oder offensichtlicher Täter, er erlebt den Ausnahmezustand des Krieges, versteht ihn aber nicht und wird von den Ereignissen hauptsächlich verwirrt, fasst Schuh zusammen. Féron flüchtet sich aber auch in diese Verwirrung, weil sie ihn gleichzeitig von jeder Verantwortung befreit. Es bleibt ihm angesichts der "höheren Mächte" nur das Warten auf den Alltag, auf die wieder einkehrende, ordentliche "Lebens- und Geschäftsführung", berichtet der Rezensent.
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