Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. In Georgi Gospodinovs Roman trifft der Erzähler auf Gaustine, einen Flaneur, der durch die Zeit reist. Er liest alte Nachrichten, trägt Vintage-Kleider und erforscht die verschlungenen Pfade des 20. Jahrhunderts. In Zürich eröffnet Gaustine eine "Klinik für die Vergangenheit", eine Einrichtung, die Alzheimer-Kranken eine inspirierende Behandlung anbietet: Jedes Stockwerk ist einem bestimmten Jahrzehnt nachempfunden. Patienten können dort Trost finden in ihren verblassenden Erinnerungen. Aber auf einmal interessieren sich auch immer mehr gesunde Menschen dafür, in die Klinik aufgenommen zu werden, in der Hoffnung, den Schrecken der Gegenwart zu entkommen ...
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.07.2022
Rezensent Jörg Plath ist begeistert. Georgi Gospodinovs Roman über nostalgische Vergangenheitsprojektionen und Geschichtsklitterung hält er angesichts des Krieges in der Ukraine nicht nur für hochaktuell, sondern auch für eine humorvolle Dekonstruktion populistischer Sehnsüchte. Der Ich-Erzähler wird in das Projekt eines Arztes hineingezogen, der Demenzpatienten heilen will, indem er für sie die Umgebung an deren Vergangenheit angleicht. Doch die therapeutische Idee wird zum politischen Programm, von dem bald ganz Europa befallen wird. Plath hält das für einen spöttelnden und kühnen Kommentar zur Gegenwart. Er lobt zudem, dass der Roman trotz seiner Konzentration auf Wiederholung von Vergangenem nicht in eine lineare oder gar sachliche Erzählweise verfällt, sondern mit gewitzten Kniffen die Vorhersehbarkeit der Ereignisse unterläuft.
Rezensent Volker Weidermann verblüfft die schockierende Aktualität von Georgi Gospodinovs Roman. Der bulgarische Autor erzählt darin von der sehr erfolgreichen Idee eines Melancholikers, der eine Klinik für Demenzkranke eröffnet. Die Kranken können dort in Vergangenheitsräumen in ihrer Kindheit schwelgen. Der Clou des Romans ist laut Weidermann, dass der Autor von Einzelschicksalen "lustvoll" ins Globale wechselt und Nationen und ihr "Lieblingsjahrzehnt" vorstellt. Gelegenheit für Gospodinov, von alten Leben im Ostblock zu berichten. Dass dereinst VW und Mercedes Benz vom russischen Moskwitsch verdrängt werden würden - es steht schon bei Gospodinov, stellt Weidermann ungläubig fest.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2022
Hymnisch bespricht Sabine Berking den neuen Roman von Georgi Gospodinov: Der bulgarische Schriftsteller ist für die Kritikerin eine der eigensinnigsten und "scharfsinnigsten" Stimmen der europäischen Gegenwartsliteratur, sein neues Buch schlicht virtuos. Ein Künstler und Therapeut mit Namen Gaustin eröffnet eine Klinik für Demenzkranke, in der er zur Anregung der Erinnerung Zimmer im Stile vergangener Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts einrichtet. Die Idee breitet sich in Europa wie ein Virus aus, resümiert die Rezensentin: Überall "wuchern" Vergangenheiten wie "Unkraut", Attrappen von Mausoleen, Diktatoren und Revolutionen werden errichtet - getreu dem Motto "Vorwärts in die Vergangenheit", fährt Berking fort. Fasziniert lässt sie sich ein auf den Mix aus bewegenden Biografien, philosophischen Reflexionen und "burlesken" Szenen, bewundert Gospodinos sprachliche Akrobatik - und Alexander Sitzmanns Übersetzung - und liest den Roman nicht zuletzt als beunruhigend aktuellen Kommentar über die "Sucht nach Geschichtsklitterung".
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