Nach Kriegsende entkamen etliche NS-Kriegsverbrecher und Nationalsozialisten durch Flucht nach Übersee ihrer Bestrafung. Wie diese Flucht konkret organisiert wurde, und wer den Kriegsverbrechern dabei geholfen hat, wurde lange Zeit nicht näher untersucht. Jahrzehntelang dienten Schilderungen von allmächtigen Geheimorganisationen wie der "Odessa", der "Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen", als Erklärung. Wohl sind die Fluchtwege der NS-Kriegsverbrecher bis heute geheimnisumwittert, doch es war nicht ein einziger, weltumspannender Geheimbund namens "Odessa", der diese plante. Die Wirklichkeit war komplizierter. Das Buch zeigt anhand ausgewählter Biographien, warum hunderte Kriegsverbrecher und Kollaborateure aus ganz Europa nach 1945 den Fluchtweg Italien wählten. Als "Rattenlinie" bezeichneten die US-amerikanischen Geheimdienste den Fluchtweg vieler führender Nationalsozialisten und SS-Leute, der sie meist über Südtirol nach Rom oder Genua und von dort aus vor allem in südamerikanische, aber auch arabische Staaten führte. In Italien fanden die NS-Flüchtlinge Hilfe in kirchlichen Kreisen und erhielten neue Identitäten durch das Internationale Rote Kreuz. Das war aber nur die Spitze des Eisberges.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2008
Nicht immer einverstanden ist Heinz Schneppen mit Gerald Steinachers Habilitationsschrift über die Flucht von Kriegsverbrechern nach Übersee in den Jahren nach 1945. Dem Anspruch des Autors, erstmals eine Rekonstruktion der "gesamten Handlungskette der Flucht" zu bieten, hält er die Pionierarbeit Holger Medings von 1992 entgegen, die bereits sämtliche Elemente der realen Fluchtbewegung in ihrem Ablauf erfasst habe. Doch findet er bei Steinacher zwar keine grundlegende "neue Perspektive", aber einige neue Erkenntnisse im Detail. Besonders schätzt Schneppen die stringente Darstellung der Bedeutung Italiens für Transit und Transfer von Nationalsozialisten und Naziverbrechern nach Übersee. Andererseits bringt er eine Reihe Kritikpunkten an, die den guten Eindruck des Buchs schmälern. So hält er dem Autor einseitige Interpretationen und Schwächen in der Recherche vor. Detailliert zeigt Schneppen auf, dass manche "Fakten", die Steinacher präsentiert, einer quellenkritischen Betrachtung nicht standhalten können.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.10.2008
Mit allergrößtem Interesse hat Stephanie Risse diese Habilitation des Bozener Zeithistorikers Gerald Steinacher gelesen, die dezidiert das Netzwerk darlegt, über dessen Hilfe tausende von NS-Kriegsverbrechern entkommen konnten, darunter solch hochrangige Schergen wie Eichmann, Mengele und Barbie. Zentraler Ort hierfür war Südtirol, Kirche und Internationales Rotes Kreuz stellten den Gesuchten wissentlich neue Papiere aus, tauften Protestanten auf neue Namen und waren auch ukrainischen Waffen-SSlern oder ungarischen Pfeilkreuzlern behilflich. "Minutiös" sieht Risse dieses weitgefasste Netzwerk rekonstruiert und damit auch die These widerlegt, die große Flucht der NS-Verbrecher sei die Angelegenheit einer kleinen Geheimtruppe gewesen.
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