Untrennbar verbinden sich mit der Imago vieler Dichter Bilder von Orten, an denen sie freiwillig oder gezwungen lebten. Von diesen tatsächlichen Lebens- und Schaffensorten unterscheiden sich die imaginären Orte, an denen Dichter zu leben und zu schreiben behaupten, wünschen oder fürchten. Um eben solche Orte, genauer: um das facettenreiche Selbstverständnis der dichterischen Existenz im Medium imaginärer Verortungen des eigenen Schreibens geht es in diesem Buch. Baudelaire imaginiert sich in einer Mansarde über den Dächern von Paris, Flaubert als Einsiedler in der Wüste, Kafka in einem tiefen Keller ... - Imaginäre Schreiborte können in verschiedenster Weise zum Thema werden, in metaphorischer Abbreviatur wie im ausgeführten pseudorealistischen Bild. Sie finden sich in Gedichten und erzählender Literatur wie in Essays und Briefen.
Rezensent Jan Röhnert betritt mit Gerhard R. Kaiser ehrfürchtig die imaginierten "Schreibasyle" von deutschen und französischen Schriftstellern. Bei Rousseau beginnend gewährt der Autor einen Einblick in diese Orte des künstlerischen Schaffens der großen Dichter, so Röhnert: Kafka stellte sich vor, in einem dunklen Keller weit ab von der Welt könne er am besten Schreiben, Jean Paul dichtete in seinem "Stubennest" während Heinrich Heine seine Pariser Schreibstätte als "Matratzengruft" bezeichnete. Der Kritiker freut sich auch über "unverhoffte Nachbarschaften": so wird der Topos des prekären Lebens und Hausens zum gemeinsamen Motiv für viele Schriftsteller der Moderne. Reich an klugen Gedanken und inspirierend ist dieser Band, nickt Röhnert, der hier gerne über die "Ermöglichungsräume" auch des zukünftigen Dichtens weiterdenken möchte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 05.03.2024
Rezensent Marko Martin erfährt viel Wissenswertes über Autoren und Dichter und ihre imaginierten Gehäuse mit Gerhard Kaisers Buch. Von Insel- und Schimmelzimmer-Bewohnern wie Rousseau, Heine, Hölderlin, Keller oder R. Walser wie auch über das Wechselspiel zwischen Imaginieren und Selbstbespiegelung weiß der Autor laut Martin kenntnisreich zu berichten, jedoch leider auch sehr germanistisch-autoritär. Nicht so gut, urteilt Martin. Dennoch: Das Buch füllt eine Lücke, meint er.
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