Im Roman "Die jüdische Mutter" geht es um ein kleines Mädchen, das einem Sittlichkeitsverbrechen zum Opfer fällt, um seinen Tod und die Konsequenzen für dessen alleinerziehende Mutter. In "Susanna" schildert Gertrud Kolmar eine psychisch gefährdete, faszinierende junge Frau, auf deren Leben eine Erzieherin zurückblickt. Im Nachwort werden Roman und Erzählung vor dem Hintergrund zeitgenössischer Diskurse über ledige Mütter, den Paragraph 218 und weibliche Sexualität reflektiert. In der vorliegenden kritischen Edition werden beide Prosaarbeiten der Dichterin erstmals in zuverlässiger Textgestalt abgedruckt und kommentiert.
Kein reines Lesevergnügen ist dieser nun neu herausgegebene Roman Gertrud Kolmars für Rezensentin Sigrid Brinkmann. Es geht um die Geschichte Marthas, einer jüdischen Frau, die nach der Vergewaltigung ihrer Tochter in eine Krise stürzt und nicht mehr herausfindet. Sie tötet die Tochter selbst, lesen wir weiter, und sucht danach obsessiv nach dem vermeintlichen Mörder. In das Schicksal dieser Frau spielen außerdem gelegentlich Motive hinein, die man laut Brinkmann mit jüdischem Selbsthass in Verbindung bringen kann, auch der Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft spielt in die Geschichte hinein. Brinkmann beschreibt diese Martha als eine Figur, die nirgendwo dazugehört, eine Alptraumvision, die der Kritikerin von heute aus betrachtet kaum noch glaubwürdig erscheint. Auch sprachlich überzeugt dieses Buch die Rezensentin nur in einigen Passagen, die sich Naturbeschreibungen widmen.
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