Nein, eine Bilanz ist ihre Sache nicht, aber einen Rückblick gönnt sich Gisela Steineckert. Und ihre treuen Leser wissen um den Anlass, den 90. Geburtstag der Schriftstellerin. Besser aber wäre zu sagen, sie wagt diesen Rückblick. Denn der Versuchung, nur die Erfahrungen der Harmonie zu konservieren und vergangene Konflikte auszusparen oder kleinzureden, erliegt sie nicht. Sie ringt dem Gedächtnis ab, "was uns zu Leid und Lachen widerfahren ist. Da mischt sich vergangene Bitternis mit der wilden Wurzel Hoffnung und die langweilige Einsicht mit gebrochenen Versprechen, auf die wir uns einst mit uns selber geeinigt haben". Die tiefsten Wünsche, die bewegendsten Erinnerungen, die schönsten Augenblicke, die peinlichsten Momente, die kleinen Ziele und die großen Träume - nichts Menschliches ist Gisela Steineckert fremd und keine ihrer an- und aufrührenden Erinnerungen geht an ihren Lesern vorbei.
Rezensentin Miriam N. Reinhard reagiert mit einer verärgerten Besprechung auf Schönfärbereien von und zu Gisela Steineckerts DDR-Erinnerungen "Langsame Entfernung". Hier schreibe keine romantische Optimistin, stellt Reinhard klar, sondern eine knallharte Dogmatikerin, die am liebsten ihre Grundsätze in Bronze schlagen würde. Wenn sie etwa den Begriff des Unrechtsstaats ablehne, weil er auf sie nicht passe, sieht Reinhard darin die Kapitulation einer Schriftstellerin, die ja den Erfahrungen der Menschen, die keine eigene literarische Stimme haben, Raum geben könnte. Vielsagend erscheint der Kritikerin aber auch Steineckerts Aussage, sie sei nie zu einer politischen Lüge gezwungen worden.
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