1000 Kilometer voneinander entfernt liegen Kiew und Nowgorod: seit etwa dem Jahre 900 die tragenden Säulen eines Wikingerreiches am Ostrand Europas. Einmalig die Riesenausdehnung dieses schnell entstandenen Gebildes, bemerkenswert seine Dauer, die sich - über Wandlungen hinweg - in weiten Dimensionen des heutigen Russlands fortsetzt. Zugrunde lag eine Tributherrschaft über viele altbodenständige Völkerschaften, denen Pelze, Wachs und Honig abgefordert wurden. Auf neue Weise genutzt wurde, was das Land anzubieten hatte, durch die wikingische Fähigkeit, über lange Wasser- und Landwege aufnahmefähige Märkte in der Ferne, wie Konstantinopel und Bagdad, aufzusuchen. Mit einer neuen historisch-philologischen Methode werden unsere spärlichen Quellen tiefer als bisher ausgelotet. Das Buch mündet in Überlegungen aus, wie sich die Staatsräson der beiden Gründerjahrhunderte in der Folgezeit verschob.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.08.2002
Fundiert findet Sonja Zekri diese Untersuchung über Russlands Anfänge. Russland, woher kommst Du? Diese Frage sorgt demnach seit Jahrhunderten für politischen Sprengstoff. Nach westlicher Lesart haben schwedische Wikinger im 9. Jahrhundert das Fundament für das Riesenreich gelegt, was nationalbewusste Russen naturgemäß ablehnen. Sie pochen auf die Kulturleistung der ansässigen Slawen. Gottfried Schramm kommt nun anhand linguistischer Untersuchungen zu einer Kompromisslösung: Die eingewanderten Schweden hätten zwar die Herrschaft an sich gebracht, sich aber in der Folge schnell assimiliert und mit der Urbevölkerung vermischt. Dem hohen wissenschaftlichen Anspruch, den das Thema verlangt, wird Schramm der Rezensentin zufolge in seinem "thematisch engen, aber vorbildlich anschaulich geschriebenen Werk" durchaus gerecht. Ob das ausreicht, die "Verbohrtheit" in der diesbezüglichen Diskussion aufzubrechen, wird sich zeigen.
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