Ausgewählt und aus dem Farsi übertragen von Isabel Stümpel. Der zweisprachig in Deutsch und Farsi vorliegende Band bietet einen Querschnitt durch Granaz Moussavis Schaffen und damit durch die Träume, Enttäuschungen und Zufluchten der nachrevolutionären Generation Irans, namentlich der Frauen, deren Stimme vor dem islamischen Gesetz nur die Hälfte zählt und deren Kreativität und Mobilität allenthalben beschnitten werden ("...Wände, Wände / zum Wahnsinnigwerden"). So erscheint die erdbebenbedrohte, versmogte Hauptstadt Teheran einerseits als Ort voller Stoppschilder, Stillstand und Steinigungsorte, andererseits aber mit ihren Plätzen, Parks und Intellektuellencafés als unersetzliche Heimat und Ort des Austauschs mit Gleichgesinnten. Sprachrhythmus- und Bilder steigern sich zu zorniger Anklage der offiziellen Geschichtsvergessenheit, die Irans vorislamische Vergangenheit ausblenden will, der Kriegstreiberei, der Folterkammern "im achten Untergeschoss" und der künstlich aufgeheizten religiösen Massenveranstaltungen. Daneben stehen Hoffnungsvisionen: des gewaltlosen Boykotts oder der Verständigung von Mensch zu Mensch mit einem Revolutionswächter ("...Könnte ich doch im Album deiner Kindheit blättern..."), Beziehungs-und Liebesgedichte.
Rezensent Kurt Scharf würdigt die Autorin und Cineastin Granaz Moussavi nicht nur als eine der "faszinierendsten" iranischen Exil-Autorinnen, sondern nennt sie auch in einem Atemzug mit Forugh Farrochsad. Entsprechend begeistert liest der Kritiker diesen zweisprachigen Band mit Moussavis Gedichten aus den letzten zwanzig Jahre. Erstaunt bemerkt der Rezensent, wie offen sie die Gefühle einer jungen Frau, den Widerspruch gegen das Patriarchat oder die staatlich verordnete religiöse Moral beschreibt, ihren Gedichten aber zugleich auch erotische oder mystisch-religiöse Bedeutungsebenen unterlegt. Da ist es fast ein wenig bedauerlich, dass Isabel Stümpels ziemlich freie Übersetzung - trotz ihres beachtlichen Gespürs für Moussavis zwischen HipHop-Vokabular, neumodischen Vulgarismen, Volkssprache, literarischen und religiösen Zitaten oszillierende Lyrik - nicht alle Verweise sichtbar machen kann, findet Scharf. Der reiche Anmerkungsapparat tröstet darüber aber hinweg, schließt der Kritiker.
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