Aus dem Russischen von Christine Hengevoß. Seine ersten Gedichte veröffentlichte Sergej Sawjalow in den 1980er Jahren im Leningrader Samisdat. Sein Schaffen ist geprägt von der antiken und russischen Poesie, der Suche nach seiner finnougrischen Identität, der Verarbeitung der sowjetischen Realität und von sozialer Verantwortung. Die im vorliegenden Band enthaltenen Werke zeugen von der Tragödie des Großen Terrors, der Hungersnot während der Belagerung Leningrads, der Grausamkeit von Kriegen, der Assimilation vorslawischer Völker. Er thematisiert den Verlust der sprachlichen und kulturellen Identität und des mythischen Selbstbewußtseins aufgrund der globalen Dominanz der "herrschenden" Sprachen und "großen" Kulturen. In Sawjalows Texten kommen Techniken der antiken Rhetorik, der mittelalterlichen Literatur und der avantgardistischen Poetik zum Einsatz. Die Fragmentierung und Interpolation von Zitaten lassen einen Akkord, ein Zusammenspiel der Epochen erklingen. Die Stimmen früherer Epochen erscheinen als Echo früherer Katastrophen und damit als Warnung: Die Geschichte bringt immer neue Opfer hervor. Somit sieht Sawjalow seine Aufgabe als Dichter darin, den Opfern der Geschichte eine Stimme zu geben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2025
Rezensentin Kerstin Holm empfiehlt diesen Band mit Gedichten des russischen Dichters Sergej Sawjalow, der europäische Antike und die Kultur der finno-ugrischen Mordwinen kreuzt. Für Holm eigentlich die Quadratur des Kreises, die Sawjalow allerdings in epischer Sprachkunst meistert, wie sie findet, indem er einerseits die Auflösung sprachlicher Identitäten inszeniert, andererseits aber "vergessene Kontexte" sichtbar macht. So etwa, wenn er stalinistische Lobeshymnen bei Schostakowitsch mit Klagegesängen der mordwinischen Volkssängerin Bessubowa verschneidet oder in der Verschränkung von Dokumentarischem mit modernem Slang.
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