Aus dem Französischen von Lukas Betzler und Hauke Branding. Das fulminante Erstlingswerk des Philosophen und LGBT-Aktivisten Guy Hocquenghem, ein Schlüssel- und Initialwerk der Queer Theory - endlich neu aufgelegt. Als er 1972 "Das homosexuelle Begehren" schrieb, war Guy Hocquenghem gerade 25 Jahre alt - eine schillernde Persönlichkeit, Philosoph, Trotzkist und Schwulenaktivist. Hocquenghem fordert ein neues Denken über Geschlecht, Begehren und Sexualität, jenseits binärer Schemata und des "ödipalen Dreiecks" der psychoanalytischen Theorie. Für ihn gibt es keine stabile (sexuelle) Identität, sondern nur ein universelles Begehren. Skeptisch gegen jede Behauptung von "Normalität" kritisiert Hocquenghem daher auch jene liberale Ideologie, die Homosexualität zwar toleriert, aber nur als von der Normalität klar abgetrenntes "Minderheiten-Phänomen". Sein Buch ist eine radikale Kritik der gesellschaftlich fest verankerten Homophobie, zugleich aber auch ein Appell an die Bewegung, sich nicht vom liberalen Integrationsversprechen blenden zu lassen, das die Stillstellung des Begehrens in einer "homosexuellen Identität" einfordert. Stattdessen sieht er die Rolle der homosexuellen Emanzipationsbewegungen darin, mit ihrer eigenen Befreiung auch die der Sexualität aller zu erkämpfen.Für die soziologische Debatte in Frankreich ist Hocquenghems Werk wegweisend - so sind die Schriften Didier Eribons wie auch Michel Foucaults Hauptwerk "Histoire de la sexualité" stark von ihm geprägt. Diese Neuauflage schließt eine Lücke im deutschsprachigen Diskurs.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 15.10.2019
Dieses Schlüsselwerk der queeren Theroie ist deutlich zugänglicher als der zungenbrecherische Name des belgischen Philosophen Guy Hocquenghem vermuten lässt, versichert Rezensent Stefan Hochgesand, warnt aber, dass es in dem Buch zur Sache geht: Der Autor sei "arschfixiert und anarchistisch" und daher nichts für schwache Nerven. Aber er gehöre auch nicht in die Klassikerreihe, denn der leidenschaftliche Tonfall trage noch heute. Ebenfalls aktuell findet Hochgesand, wie Hocquenghem die Bildung schwule Identität als hilfreich für den politischen Aktivismus beschreibt, aber als psychologisch fragwürdig. Dass der Verlag nicht verschweigt, wie indiskutabel einige spätere Aussagen Hocquenghems waren, rechnet der Kritiker ihm ebenso hoch an wie die Wiederauflage des Textes überhaupt.
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