Benno Gammerl

anders fühlen

Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte
Cover: anders fühlen
Carl Hanser Verlag, München 2021
ISBN 9783446269286
Gebunden, 416 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

"Eine Geschichte von Alltag und Aktivismus, von Verfolgung und Strafe, von Befreiung, Freundschaft und Liebe, eine Geschichte gelebten, queeren Lebens, über die sich ein Schleier des Vergessens zu legen droht. Man muss dieses Buch lesen!" Daniel SchreiberVon heimlichen Begegnungen bis zum Christopher Street Day, vom §175 bis zur Ehe für alle - die Wege schwulen und lesbischen Lebens in Deutschland waren steinig, und sie sind bis heute weniger geradlinig, als unsere Vorstellung von Liberalisierung vermuten lässt. Benno Gammerl legt die erste umfassende Geschichte der Homosexualität in der Bundesrepublik vor. Eindringlich beschreibt er die Lebens- und Gefühlswelten von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen seit den 1950er Jahren und lässt Männer und Frauen verschiedener Generationen zu Wort kommen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2021

Rezensentin Elena Witzeck hat kaum je so Erhellendes über Gefühle gelesen wie im Buch des Historikers Benno Gammerl. Gammerl hat Gespräche mit Menschen aus unterschiedlichen Milieus und Gegenden über ihre Erfahrungen mit Sexualität in der Bundesrepublik geführt und anhand von Zeitdokumenten in den zeitgeschichtlichen Kontext gebracht. Für Witzeck bringt das die Erinnerung an den Paragrafen 175 wie auch an den Aufbruch der 1970er und an Aids zurück. Verblüfft ist sie immer wieder über Gammerls für sie auch soziologisch anmutende Analysen und seine differenzierte, Raum für Zweifel erlaubende Betrachtung.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 10.04.2021

Rezensent Tilman Krause merkt Benno Gammerls Studie über homosexuelles Leben in der alten Bundesrepublik zwar an, dass der Autor aus einem wissenschaftlichen Kontext kommt - von zuweilen "umständlicher Begriffsbildung" und methodischem Eifer spricht Krause -, freut sich dann aber doch über manche kreativen Wortschöpfungen wie den "bürgerlichen Wertehimmel" und darüber, dass Gammerl viele Gespräche mit Lesben und Schwulen einbezieht. Neben den erwartbaren Ausführungen zu den Aufbruchsjahren der siebziger und der AIDS-Krise der achtziger Jahre erfährt der Rezensent zu seinem Erstaunen, dass auch unter Adenauer bereits für homosexuelle Freiheit gekämpft worden sei. Eine "ergiebige Studie" mit der Lehre, dass das Individuum die Verantwortung für sein Lebensglück trage, schließt Krause.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.03.2021

Sehr genossen hat Rezensent Gustav Seibt dieses, wie er findet, kluge, materialreiche und differenzierte Buch, dem er eine lange Besprechung widmet. Mit einem "Quellenmix" von Gesprächs- und Textanalysen  hat der Autor sein Thema weit aufgespannt und durch eine Phaseneinteilung zusätzlich nach politischen bzw. rechtlichen Perioden definiert, berichtet der Kritiker. Er findet die Darstellung gut lesbar, rät aber zu besonderer "Aufmerksamkeit", da einem ansonsten so manche Facette durch die Lappen ginge. Aus der Zeit des Verbergens sind nicht nur negative Gefühle in Erinnerung, und die Politisierung des Coming-Out war nicht für jeden hilfreich, erfahren wir. Der Beginn von Aids funktionierte als neue "Stigmatisierung" nach einer Phase der "Verbürgerlichung", liest der interessierte Kritiker. Er lobt auch die Thematisierung dessen, was er den "psychischen Preis für die Freiheit" nennt. Besonders aber wärmt ihn der Strom "einer großen Menschlichkeit", der das Buch auszeichnet - und mit einer Schlussbemerkung mahnt er, diese nicht in Identitätsdebatten aufs Spiel zu setzen.
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