Erstmals werden sämtliche Aufsätze, Zeitungsartikel und sonstige auf Deutsch verfasste oder zu ihren Lebzeiten ins Deutsche übertragene Schriften Hannah Arendts chronologisch und vollständig in einer Neu-Edition veröffentlicht. Die Ausgabe wird zahlreiche bislang unbekannte und unveröffentlichte Texte enthalten. Damit wird die von Thomas Meyer herausgegebene Studienausgabe alle deutschen Arbeiten Arendts vereinen. Die Bände sind jeweils mit einem ausführlichen Nachwort verschiedener ExpertInnen versehen. Band 4 komplettiert diese Edition und umfasst alle Einzelschriften von 1961 bis 1976.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 11.02.2026
Der von Rezensent Michael Hesse besprochene und von Thomas Meyer herausgegebene Band versammelt Hannah Arendts Vorträge und Essays aus den Jahren 1961 bis 1977 und öffnet den Blick auf eine Denkerin, die "verletzt, schockiert, aber auch unnachgiebig" argumentiert. Im Zentrum steht die bis heute polarisierende Eichmann-Debatte, vor allem der Briefwechsel mit Gershom Scholem, der ihr "Leichtherzigkeit" und fehlende "Liebe zu den Juden" vorwirft. Arendt kontert, sie "liebe keine Kollektive", sondern beharre auf Urteilskraft jenseits eines verpflichtenden "Wir", lesen wir. Auch um ihre berühmte These von der "Banalität des Bösen" dreht sich der Streit mit Scholem, der ihr Verharmlosung vorwirft, ihre Idee dabei aber missversteht: Denn Arendt möchte nicht kleinreden, sondern das Böse in Form einer gedankenlosen Routine entlarven, die sich "wie ein Pilz" ausbreitet. Neben diesen Kontroversen zeigen Texte zu Heidegger, Jaspers oder Enzensberger eine Autorin voller Spannungen, deren essayistischer Stil Begriffe im Vollzug klärt. Ein lehrreiches Dokument über die Kosten öffentlichen Denkens, das das breite Spektrum von Arendts Denken zeigt. Das allerdings auch deutlich macht, wie schnell eine rational geführte Debatte in gegenseitigen Vorwürfen, Streit und moralische Empörung enden kann, resümiert Hesse.
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