Hanya Yanagihara

Ein wenig Leben

Roman
Cover: Ein wenig Leben
Hanser Berlin, Berlin 2017
ISBN 9783446254718
Gebunden, 960 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner. "Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe - ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.02.2017

Angela Schader ist ein bisschen überfordert mit Hanya Yanagiharas Roman. Das Maß an körperlicher und seelischer Pein, das die Autorin entlang der Grundthemen Liebe und Sexualität in der Geschichte der vier befreundeten Hauptfiguren verhandelt, übersteigt Schaders Toleranzgrenze. Auch wenn Yanagihara locker und kundig erzählt und den Leser in ein ideales New York entführt, von Missbrauch und Selbsthass erzählt sie eine Spur übertrieben, findet Schader. Umso bedauerlicher für die Rezensentin, da die Autorin die Milieus ihrer Figuren auf starke Weise zu schildern weiß. Diese Welthaltigkeit kollidiert mit dem Holzschnittartigen, bisweilen Kitschigen der Charakterzeichnung, meint Schader. Dem wichtigen Thema Kindsmissbrauch aber wird durch die Inflationierung des Leidens im Text ein Bärendienst erwiesen, findet sie.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.01.2017

Katharina Granzin lässt sich in Bann ziehen von Hanya Yanagiharas Roman. Das epische Format und die vielen fast kitschigen Lifestyle-Elemente können sie nicht schrecken. Der Roman ist einfach fantastisch erzählt, meint sie. Und hinter der laut Granzin durchaus kritisierbaren Darstellung des weltfremden amerikanischen Luxuslebens der männlichen Hauptfigur im Kreis seiner übertollen Freunde verbirgt sich ein Geheimnis, eine Leidensgeschichte. Dieser Kontrast scheint Granzin reizvoll, genau wie die Fähigkeit der Autorin zur empathischen Figurenzeichnung. Ein Buch "larger than life", findet Granzin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2017

Hymnisch bespricht Andreas Platthaus Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben", der ihn tief in seinen Bann gezogen hat. Die amerikanische Schriftstellerin steht Tom Wolfe, Don DeLillo oder dem frühen James Joyce in nichts nach, versichert der Kritiker, der hier ganz langsam, aber zunehmend intensiver in das Leben von Jude gesogen wird, der von sexuellem Missbrauch über Selbstverletzung bis zu zahlreichen Demütigungen alle erdenklichen physischen und psychischen Grausamkeiten erlebt. Wie Yanagihara mit beispiellosem Pathos, "verschlingender" Emotionalität und brillantem Sprachgefühl die uralte Spannung zwischen Gut und Böse auslotet, dabei Allgemeingültiges über die menschliche Existenz herauskristallisiert und konventionelle Liebesmodelle über Bord wirft, hat den Kritiker schlicht fasziniert. Dieses von Stephan Kleiner exzellent übersetzte "Meisterwerk" lässt den Leser nicht mehr los, verspricht der Rezensent.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.01.2017

Ganz so hymnisch wie das Urteil ihrer Kritikerkollegen fällt Cornelia Geisslers Besprechung von Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben" nicht aus: Wenn ihr die Autorin von der lebenslangen, liebevollen Freundschaft zwischen vier College-Jungs erzählt, wähnt sich die Kritikerin unter einer "daunendicken Gefühlsdecke", die zwar oft gefühlig-schön, gelegentlich aber doch etwas "kitschig-schwer" gerät. Die unaussprechlichen Grausamkeiten, die Held Jude in seinem Leben widerfahren und die häppchenweise enthüllt werden, lassen zwar auch Geissler nicht kalt. Und doch muss sie trotz der Sogkraft des Romans gestehen, dass sie das "ritualhafte" Wiederholen bestimmter Szenen während der Lektüre erschöpft hat. Yanagiharas Vermögen, die drei erzählten Jahrzehnte des Romans ganz zeitlos erscheinen zu lassen, ringt allerdings auch Geissler große Anerkennung ab.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.01.2017

Rezensentin Karin Janker kann sich den Urteilen ihrer Kritikerkollegen nur anschließen: Hanya Yanagiharas sprachgewaltiger Anti-Bildungsroman "verschlingt" seine Leser. Warum? Weil die Autorin die unerträgliche Leidengeschichte des Protagonisten Jude einerseits nur stückweise verrät, mit Cliffhangern und Thrillerelementen anreichert; vor allem aber, weil es Yanagihara gelingt, Judes schmerzvolle Sprachlosigkeit, aus der er durch Selbstverletzungen auszubrechen versucht, mit einer ebenso bildstarken wie eindringlichen Erzählstruktur spürbar zu machen, versichert die Kritikerin. Sie lässt sich von der Autorin in kreisförmigen Bewegungen zum Epizentrum des Traumas mitreißen und erlebt die erbarmungslose Gewalt, aber auch die unendliche Liebe während der Lektüre geradezu am eigenen Leib. Nicht zuletzt bewundert die Rezensentin, wie die Autorin ihrem Roman die "Krise des Erzählens" als Metaebene unterlegt.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.01.2017

Der Ekstase seiner amerikanischen Kritikerkollegen mag sich Rezensent Ijoma Mangold zwar nicht anschließen, der Wucht von Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben" kann er sich allerdings auch nicht ganz entziehen. Der Beginn der Geschichte um eine Freundschaft zwischen vier Männern, die schwul, multiethnisch, narzisstisch, sensibel und metrosexuell mit allen Zutaten zeitgenössischer Identitätsdiskurse ausgestattet sind, erscheint dem Kritiker ein wenig "konventionell". Wenn im zweiten Kapitel der den Freunden unbekannte Leidensweg von Jude in den Mittelpunkt rückt, der von Schlägen, Demütigungen, sexuellem Missbrauch im Kloster und schließlich Selbstverletzungen erzählt, wähnt sich Mangold in einem Action-Seelendrama, das von Wut über Ohnmacht bis Verzweiflung alle Gefühlsregister zieht. Die vier Ausnahmekarrieren, welche die bildschönen, reichen und berühmten Freunde schließlich machen, nur um festzustellen, dass ihre Freundschaft das wichtigste im Leben ist, führt Mangold zu dem Schluss: Dieser Roman hat ein "Superlativ-Problem". Zugleich muss er sich eingestehen, dass ihn Yanagiharas zartes, "leuchtendes" und radikales Melodram nicht nur ergriffen, sondern auch verschiedenste Spielarten der Liebe gelehrt hat.