Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Europa das Bewusstsein für die Bedeutung der Bevölkerung und ihrer Entwicklung für die "Wehrkraft" einer Nation. Damit wurde die medizinische Musterung der Rekruten auch zu einem Moment der Untersuchung der breiten Bevölkerung. Größe, Gewicht und Brustumfang der Rekruten interessierten nicht nur das Militär selbst. Statistiker, Mediziner und Anthropologen hatten ebenso große Erwartungen an die Musterung der männlichen "Militärbevölkerung". Die Frage, ob und wie man über die Statistiken Rückschlüsse auf die Bevölkerungsentwicklung ziehen konnte, wurde zu einem frühen Kristallisationspunkt demografischer Wissenschaften. Heinrich Hartmann analysiert die Rolle des Militärs in der Entstehung demografischer Diskurse und Wissenspraktiken vor dem Ersten Weltkrieg.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.04.2012
Viel ist es nicht, was Rolf Dieter Müller über das Buch zu berichten hat. Im Wesentlichen verlegt er sich darauf, die Geschichte der Musterung und der dahinter stehenden Interessen nachzuerzählen, so wie sie der Basler Historiker Heinrich Hartmann anhand von ausgewerteter Fachliteratur in seiner Studie darlegt. Hartmann, so lernen wir, zeichnet einen sozialwissenschaftlichen und medizinischen Diskurs nach, als dessen Endpunkt er die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht begreift, und erläutert die Funktion der militärischen Musterung als Hinweis auf die Beschaffenheit der Gesellschaft. Das von Müller wiedergegebene Resümee, die Musterung habe immerhin der Demografie und der medizinischen Forschung gute Dienste geleistet, wirkt allerdings unerhört trostlos.
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