Zauberberg 2
Roman

Rowohlt Verlag, Hamburg 2024
ISBN
9783498007119
Gebunden, 288 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Jonas Heidbrink, ein Erfolgsmensch. Schon vor dem Dreißigsten hat er sein Start-up versilbert; arbeiten muss er sein Leben lang nicht mehr. Aber es geht Heidbrink nicht gut, überhaupt nicht. Und so fährt er eines kalten Januartages los Richtung Osten, in die mecklenburgische Einöde, wo inmitten von Sümpfen ein schlossartiger Bau emporragt: das Sanatorium. Alles ausgesprochen nobel, aber eben doch: Klinik, für Menschen mit dem einen oder anderen Knacks. Schnell ist Heidbrink in das Korsett von Visiten und Anwendungen eingezwängt, muss er sich entscheiden, ob er im Speisesaal seiner Misanthropie folgen oder Anschluss finden will. Die Menschen hier, Ärzte, Schwestern, Patienten, sind ihm fremd, doch bald sind sie seine Welt. Nur scheint die Klinik wirtschaftlich nicht rundzulaufen. Ein Nebengebäude wird geschlossen, das Personal reduziert sich, man munkelt, in der Küche werde nur noch Convenience Food in der Mikrowelle aufgewärmt. Und so reiht sich ein Monat an den anderen - bis es in den Sümpfen zu einem rätselhaften Unglücksfall kommt.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 04.01.2025
Rezensent Jens Uthoff hat hier einen Strunk'schen Blockbuster vor sich, der lässig Thomas Manns Zauberberg remixt: Sein Protagonist Jonas Heidbrink hat nach einer erfolgreichen Start-Up-Karriere einen Burn Out und begibt sich in ein Sanatorium nahe der polnischen Grenze. Im Montageverfahren mit Zitaten von Mann erleben die Leser dann eine Tragikomödie als "öde Daily Soap", in der zwischen Essen und Musiktherapie nicht viel passiert, erfahren wir. Die Figuren haben, typisch für den Autor, "alle ihren ganz eigenen Hau", viele der Themen zwischen Therapie und sozialdarwinistischer Alpha-Mentalität lassen sich gut hinsichtlich ihres gesellschaftsdiagnostischen Potenzials lesen, versichert Uthoff. Dennoch fehlt ihm etwas, ganz bis ins letzte ausgearbeitet sind weder die Figuren noch die Story, aber trotzdem macht ihm die Lektüre auf zynische Art und Weise Spaß.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 17.12.2024
Rezensentin Judith von Sternburg mag den neuen Zauberberg von Heinz Strunk, auch wenn er ganz ohne "Zauber und Berg" auskommt, wie sie schreibt. Und auch sonst erinnert nicht viel an die Vorlage, bemerkt die Kritikerin: Protagonist Jonas ist ein depressiver IT-Entwickler, der länger als erwartet in der Klinik bleiben muss, Tischgespräche gibt es nicht - und auch die Stimmung ist nicht "fiebrig" wie bei Mann. Nein, Strunk erzählt uns eine "Strunk-Geschichte" und das gefällt der Rezensentin außerordentlich gut. Ruhig und aufmerksam beobachtend - und auf Grundlage einer Vorort-Recherche - skizziert der Autor sein Personal und deren harte Schicksale, selten boshaft, meistens mitfühlend, etwa, wenn er beschreibt, wie Menschen etwas gelingt, freut sich Sternburg.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.12.2024
Rezensent Richard Kämmerlings empfiehlt Heinz Strunks Roman über einen von Angststörungen geplagten Start-upper als Hilfe zum Verständnis von Thomas Mann Lebensdichotomie, dem Ringen zwischen Todessehnsucht und Lebensbejahung. Ein echtes Remake oder eine Satire auf den "Zauberberg" kann er im Buch nicht entdecken. Strunks liebevoll humoristische Figurenzeichnung ähnelt zwar zuweilen derjenigen Thomas Manns und auch bei Strunk geht es um menschliche Grunderfahrungen (Verfall!), meint Kämmerlings, doch Strunks Drastik ist für den Rezensenten singulär.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 30.11.2024
Ein "Feuerwerk aus schlechter Laune" findet Kritiker Hilmar Klute in Heinz Strunks "Zauberberg"-Adaption vor, das aber doch ein ziemlich lesenswertes Ereignis ist: Statt Hans Castorp erleben wir den 36 Jahre alten Unternehmer Jonas Heidbrink als Protagonisten, der in eine Klinik in der Nähe von Stettin kommt, wo er seine Angstzustände überwinden soll, was die "auf Langzeitpatienten gierenden" Ärzte aber zu verhindern wissen. Auch seine Mitpatienten entblößen sich auf fast schmerzhafte Weise, wie der 80-jährige Klaus, der sich ins Koma säuft. Die zum Teil fast zu kabarettistisch gestalteten Figuren formen laut Klute einen "Kosmos der Gescheiterten." Bitterböse und zugleich lustig ist diese Teigen von Menschen, die sich selber nicht zu helfen wissen und uns dabei an uns selbst erinnern, meint der Rezensent, der sich trotz Spaß an der Lektüre freut, doch einigermaßen normal zu sein.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 30.11.2024
Heinz Strunk ist für Rezensentin Julia Schröder ein "literarisch-musikalisches Multitalent", das zeigt sich auch in seinem "Zauberberg"-Retelling: Statt Tuberkulose steht hier die Psyche der Patienten im Vordergrund, nicht in Davos, sondern in Mecklenburg-Vorpommern. Jonas Heidbrink, der Protagonist, hat ein Start Up gegründet und sieht sich mit der "Sinnleere eines Daseins" konfrontiert, vor der er in die Klinik flieht. Dort wird ein Jahr lang gar nichts besser, stattdessen ist Heidbrink mit dem "Verfall der Anstaltsdisziplin" konfrontiert und mit Figuren und Zitaten von Thomas Mann, erfahren wir. Trotz des Vorbilds ist der Roman aber doch ganz und gar Strunk, versichert Schröder, dafür sorgt die deprimierte, frustrierende und von Kränkungen und Demütigungen geprägte Handlung, die in dieser Absurdität dennoch Spaß macht - ein Buch, das in die "Abgründe seiner Zeit" schaut, resümiert die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2024
Rezensent Oliver Jungen ist insgesamt sehr überzeugt von Heinz Strunks neuem Buch, und das, obwohl dessen Konzept eines ist, das sich sonst nur Literaturagenten ausdenken würden: Strunk hat eine Fortsetzung des Zauberbergs geschrieben. Beziehungsweise eher ein Remake, stellt Jungen klar, die Handlung orientiert sich in ihrer Struktur komplett an der Vorlage, wobei es durchaus Differenzen gibt, zum Beispiel steht das Sanatorium diesmal nicht in der Schweiz, sondern nahe der Grenze zu Polen, die Hauptfigur Jonas Heidbrink wiederum ist diesmal ein ausgebrannter Programmierer. Vom Ansatz Timon Karl Kaleytas Zauberberg-Roman "Heilung" ähnlich, gefällt dem Rezensenten Strunks Buch allerdings besser, weil es ganz auf Innerlichkeit setzt, radikaler sogar noch als Mann selbst. Der Rezensent gleicht einige Figuren des Romans mit der Vorlage ab, stellt aber klar, dass Strunks Buch durchaus für sich selbst bestehen kann. In der dritten Person erzählt und doch ganz nah am Protagonisten geht es laut Jungen um dessen düsteres Seelenleben, der Klinikalltag wird mit bitterem Humor beschrieben, wobei freilich das Konzept der Therapie keineswegs zurückgewiesen wird. Nur mit der arg dem Mann'schen Vorbild verhafteten Walpurgisnachtstraumsequenz kann Jungen nicht viel anfangen, davon abgesehen empfiehlt er aber einen lebendigen Roman.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 28.11.2024
Heinz Strunks Neufassung des Zauberbergs braucht den Abgleich mit dem großen Vorbild gar nicht, findet Rezensent Jens Jessen. Gleichwohl gleicht er in seiner Besprechung Strunks Buch ausführlich mit dem Thomas Manns ab und stellt zunächst klar, dass es dem Autor keineswegs um eine, gleichwohl angedeutete, Persiflage der Vorlage geht. Die geistesgeschichtlichen Ausführungen Manns werden bei Strunk konsequent eingeebnet, lesen wir, was dem therapeutischen Prinzip der Psychiatrie - in einer solchen, an der deutsch-polnischen Grenze, ist das Buch angesiedelt - entspricht. Die Hauptfigur Jonas Heidbrink, die in der Nervenheilanstalt gelandet ist, muss einiges über sich ergehen lassen, unter anderem die Monologe eines Alleswissers, gleichzeitig jedoch ist Heidbrink, anders als bei Mann, nicht Anschauungsobjekt, sondern jemand, mit dem man sich identifizieren kann. Überhaupt ist der Tonfall freundlicher als bei Mann, so Jessen, zudem konzentriert sich Strunk weniger auf das Innere der Figuren: Die Ursachen Krankheiten der Patienten werden etwa konsequent in der Außenwelt verortet. Wenn man sich von der Vorlage löst, liest man hier über Menschen, die vergeblich dem Abgrund zu entkommen versuchen - und doch liegt auch etwas Tröstliches in Strunks Roman, so der angetane Rezensent.