Bücherbrief

Vollklingend, neutönend, polyfon

13.01.2025. Die Überschrift für unseren ersten Bücherbrief des Jahres verspricht nicht zu viel! Das neue Jahr startet stark, etwa mit Weltliteratur aus Indonesien: Felix K. Nesi lädt zum Schauen des Finales der Fußball-WM 1998 und erzählt, fast nebenbei, die gewaltgeprägte Geschichte Timors. Die südkoreanische Literaturnobelpreisträgerin Han Kang kämpft gegen den Schnee, der Norweger Tore Renberg verteidigt im Leipzig des Jahres 1681 eine junge Frau, die des Kindsmords bezichtigt wird. Das Thomas-Mann-Jahr läuten Kai Sina und Heinz Strunk ein. Und Peter Sloterdijk kuriert unsere "Europhobie".
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Weitere Anregungen finden Sie in in der Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot", in der Kolumne "Vorworte", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Felix K. Nesi
Die Leute von Oetimu
Eine garantiert wahre Geschichte aus Timor
Edition Nautilus
 312 Seiten. 25 Euro

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Wann bekommen wir schon mal Literatur über Indonesien aus Indonesien? Und dann noch so fantastische, wenn man den Kritikerinnen glauben darf: Weltliteratur, jubeln Judith von Sternburg in der FR und Katharina Döbler im Dlf Kultur. Die Handlung ist gar nicht leicht zu resümieren: Der junge Dorfpolizist Ipi lädt alle Männer von Oetimu zum Schauen des Finales der Fußball-WM 1998 ein, die Party ist zugleich Verlobungsfeier und Besäufnis. Ein Unglück führt tief hinein in die von Gewalt geprägte Geschichte Timors nach dem Ende der Kolonialzeit: Von dem brutalen Massaker der indonesischen Armee gegen die osttimorische Unabhängigkeitsbewegungen nach dem Abzug der Kolonialmacht Portugal aus Osttimor erzählt Nesi ebenso wie vom Schicksal der letzten portugiesischen Familien dort. Aber es geht keineswegs nur düster zu in diesem vielschichtigen, "elegant konstruiertem" Buch, verspricht uns Sternburg, die auch die Übersetzung und das informative Nachwort von Sabine Müllers ausdrücklich lobt. Geschrieben hat Nesi seinen Roman "im Stil der Oral History seines Volkes - mit großer Sprachkraft, Witz und Ironie", sekundiert Simone Hamm im WDR. Eine unbedingte Leseempfehlung spricht auch Katharina Döbler aus. Sie fühlt sich bei der Lektüre an die "panoramischen Bildern indonesischer Maler" erinnert, "auf denen gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart, Geisterwelt, Menschen und Natur zu sehen sind". Liebe, Leben Tod, Sex - alles hat seinen Platz in diesem Roman, dessen Autor sie mit Marquez und Faulkner vergleicht.

Han Kang
Unmöglicher Abstand
Roman
Aufbau Verlag. 315 Seiten. 24,00 Euro

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Im koreanischen Original bereits vor drei Jahren erschienen, hat der Aufbau-Verlag diesen Titel der frischgebackenen Literatur-Nobelpreisträgerin Han Kang so schnell wie möglich publiziert - und die Kritikerurteile reichen von meisterhaft und hochrelevant bis plump und pathetisch. Erneut widmet sich die Autorin einem Massaker, das während der koreanischen Militärdiktatur begangen wurde: In diesem Fall geht es um das 1948 verübte Massaker auf der Insel Jeju, bei dem die Regierung unter Präsident Rhee Syng-man nach einer Rebellion etwa 30.000 Insulaner ermordete, meist Zivilisten. Eingebunden ist die Erzählung in die Geschichte um Gyeongha, die zu dem Massaker recherchierte und nun nach Jeju reist, um sich um den Papagei einer kranken Freundin zu kümmern. Im Schneegestöber Jejus verschwimmen immer wieder die Grenzen von Traum und Realität. Ganz hingerissen davon ist der SZ-Rezensent Alex Rühle, der nebenbei bemerkt, dass die sich in Kangs Werk stets wiederholenden Bilder und Motive ein immer dichteres Gesamtbild ergeben. Auch aktuelle Relevanz attestiert er dem Roman mit Blick auf den gegenwärtigen Machtkampf in Südkorea. Für den FAS-Rezensenten Tobias Rüther erweist sich Kang einmal mehr als große Chronistin der koreanischen Gewaltgeschichte. Ebenso deutlich sind aber auch die negativen Stimmen: Ein etwas "zu rührselig kalkuliertes Wintermärchen", winkt Iris Radisch in der Zeit ab. Viel zu pathetisch, manieriert und symbolisch überfrachtet geht es der Welt-Rezensentin Marianne Lieder zu.

Tore Renberg
Die Lungenschwimmprobe
Verteidigung einer jungen Frau, die des Kindsmords bezichtigt wurde
Roman
Luchterhand Literaturverlag. 704 Seiten. 26,00 Euro

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Mit der "Lungenschwimmprobe" legt Tore Renberg seinen ersten historischen Roman vor, und der ist prächtig gelungen, findet NZZ-Rezensent Peter Urban-Halle. Der norwegische Autor führt uns ins Leipzig des Jahres 1681 und blickt auf den wahren Fall der fünfzehnjährigen Anna Voigt, die vor Gericht steht, weil sie ihr neugeborenes Baby getötet haben soll. Anders als bei vergleichbaren Fällen in jener Zeit steht Anna aber nicht nur ein mächtiger Vater zur Seite, der gegen Bürokratie und Kirche und für Aufklärung kämpft. Auch ein Arzt tritt auf den Plan, der mittels Lungenschwimmprobe nachzuweisen versucht, dass es tatsächlich eine Totgeburt war und kein Mord war. Es dauert einen Moment, bis dem Leser einfällt, dass diese Art der Strafverfolgung gar nicht so historisch ist: Seit den verschärften Abtreibungsgesetzen mussten sich auch in den USA Frauen, die eine Totgeburt hatten, gegen den Vorwurf des Totschlags verteidigen (mehr hier und hier). Wie Renberg aktenkundige Fakten mit fiktiven Dialogen und Gedanken, aber auch eigenen klugen Reflexionen verwebt, findet Urban-Halle brillant. Mitunter fühlt er sich an die Bücher von Per Olov Enquist erinnert, wobei Renberg anders als Enquist stets angibt, wo die Fakten enden und die Fiktion beginnt, lobt der Kritiker. Im NDR empfiehlt Andrea Ring diesen soghaften Roman.

Heinz Strunk
Zauberberg 2
Roman
Rowohlt Verlag. 288 Seiten. 25 Euro

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Das große Thomas-Mann-Jahr hat gerade erst begonnen, aber Heinz Strunk hat es schon vor ein paar Wochen eingeläutet: Seine Neufassung des Zauberbergs haut die KritikerInnen reihenweise um. Und das, obwohl - oder gerade weil - Strunk keine Mann-, sondern eine "Strunk"-Geschichte erzählt, wie nicht nur Judith von Sternburg in der FR festhält. Die Rahmenhandlung mag der Vorlage ähneln, ansonsten aber wird aus Hans Castorp hier der 36-jährige depressive IT-Entwickler Jonas Heidbrink, der sich nicht in Davos, sondern in Mecklenburg-Vorpommern für ein Jahr behandeln lässt. Tischgespräche oder geisteswissenschaftliche Ausführungen à la Mann entfallen, auch die Stimmung ist nicht "fiebrig" wie bei Mann, bemerkt Sternburg, die zudem hervorhebt, wie ruhig und aufmerksam beobachtend - auf Grundlage einer Vorort-Recherche - der Autor sein Personal und dessen harte Schicksale skizziert. In der SZ hat Hilmar Klute viel Spaß mit diesem "Feuerwerk aus schlechter Laune": Strunk blickt so böse wie lustig in einen "Kosmos der Gescheiterten", lesen wir. Dennoch ist der Tonfall freundlicher als bei Mann, wendet Jens Jessen ein, der in der Zeit sogar etwas Tröstliches in diesem Roman entdeckt. FAZ-Kritiker Oliver Jungen staunt, dass Strunk noch radikaler als Mann ganz auf Innerlichkeit setzt, während Julia Schröder im Dlf mit Strunk auch in die Abgründe unserer Zeit schaut.

Friederike Mayröcker
Gesammelte Gedichte
2004-2021. Das komplette lyrische Spätwerk versammelt in einem Band
Suhrkamp Verlag. 560 Seiten. 38,00 Euro

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"Als er mich küszte, mit/Taubenschwingen, dann hatte ich wieder Bruchteile von Augen/Augenblicken in denen ich ES vor mir sah, ich/glaube VISION : ausgeleiertes Wort, usw., das/Schneetreiben in meinem Schädel, am Straszenrand alle/Bäume gefällt, Mandel Flieder japanische Kirsche, die/Wildtaube schreit." Verse wie diese sind es, die die Kritiker beim Lesen von Friederike Mayröckers lyrischem Spätwerk, das nun vom Schriftsteller Marcel Beyer herausgegeben wurde, zum Schwärmen bringen. Ihren hundertsten Geburtstag, zu dem kürzlich Marie-Luise Knott im Perlentaucher gratulierte, erlebte Friederike Mayröcker leider nicht mehr. "Feengleiche Mayröckersprünge", wie Knott schreibt, unternahm die Dichterin allerdings bis ins hohe Alter. "Zu sagen, Friederike Mayröcker sei eine Jahrhundertdichterin, ist eine unzulässige Verkürzung", ruft Richard Kämmerlings in der Welt, der dem Band eine hymnische Besprechung widmet: Sie sei "eine Dichterin gleich zweier Jahrhunderte - ihr Werk läutet, vollklingend, neutönend, polyfon, auch das 21. ein". Der Lyriker Nico Bleutge bewundert im Dlf Mayröckers ungeheure Sprach- und Assoziationslust, die sich an jeder noch so kleinen alltäglichen Sache oder Gegebenheit entzünden könne - sei es das Einkaufen beim Fleischer, eine tote Maus im Graben oder ein Telefongespräch - außerdem geht es ums Schreiben, um Kindheitserinnerungen, um Blumen oder die Liebe zu Ernst Jandl. Besonders interessant findet er auch Mayröckers Spiel mit der Form: im sogenannten "Proëm", das Poem und Prosa mischt und von Beyer im Nachwort spannend analysiert werde, lernt Bleutge die Dichterin nochmal ganz neu kennen. Hingewiesen sei außerdem auf Ivan Frankos "Sonette" aus dem 19. Jahrhundert, in denen der Dichter sich dem NZZ-Rezensenten Ulrich Schmid zufolge in einem Spannungsfeld zwischen volkstümlicher Zugänglichkeit - er selbst stellte sein Werk stets in den Dienst des ukrainischen Nationalismus und dem Streben nach Unabhängigkeit von der Monarchie Österreich-Ungarns - und einer Orientierung an den internationalen Avantgarden der Zeit bewegt: Schmid lobt hier sowohl die "innovative sprachliche Qualität" als auch Frankos polemische Spitzen gegen die Gesellschaft.


Sachbuch

Kai Sina
Was gut und was böse ist
Thomas Mann als politischer Aktivist
Propyläen Verlag. 304 Seiten. 24 Euro.

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In seiner "Deutschen Ansprache", die Thomas Mann am 17. Oktober 1930 in Berlin hielt, positionierte er sich in nie dagewesener Deutlichkeit gegen die Nationalsozialisten. Er zeigte seinem Publikum auf, wie sich deren Propaganda aus "Budengeläut, Halleluja, derwischmäßige(s) Wiederholen monotoner Stichworte" zusammensetzte und ihre ganze Ideologie auf Fanatismus und Abkehr von der Vernunft beruhte. Den "homo politicus" Thomas Mann stellt uns der Literaturwissenschaftler Kai Sina nun noch einmal in seinem Buch vor und zeigt dabei: Nicht nur war der Schriftsteller ein klarsichtiger Analytiker des Zeitgeschehens, er war auch, oder vielmehr vor allem, politischer Aktivist. Einfach "brillant" findet FR-Rezensent Wilhelm von Sternburg diesen Essay, in dem Sina auch Manns Haltung zum Zionismus herausarbeitet, dem er durchaus positiv gegenüberstand, so wie er auch die Gründung eines jüdischen Staates befürwortete und den Antisemitismus seiner Landsleute hingegen als großes Übel ansah. Ob Sina auch Manns leider sehr viel weniger deutliches Verhältnis zum Kommunismus analysiert, lassen die Kritiker bisher offen. Zwar ist Sina nicht der erste, der sich Mann als politischem Menschen widmet, doch diese materialreiche Studie fördert auch für den SZ-Kritiker Gustav Seibt durchaus spannende neue Erkenntnisse zu Tage. So erfährt der Kritiker zum Beispiel, dass der Schriftsteller seine politischen Interventionen geschickt und medienbewusst plante. Mann war beispielsweise die Wirkung seiner Stimme bewusst, er arbeitete kontinuierlich an der dramatischen Qualität seiner Auftritte, studierte zu diesem Zweck etwa auch Roosevelts Öffentlichkeitsarbeit. Ein reichhaltiges Buch, das neues Licht auf den vielseitigen Protagonisten wirft, freut sich Seibt. 

Peter Sloterdijk
Der Kontinent ohne Eigenschaften
Lesezeichen im Buch Europa
Suhrkamp Verlag. 320 Seiten. 28,00 Euro

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Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht der Untergang des Westens im Allgemeinen und Europas im Besonderen prophezeit wird. Und auch der Philosoph Peter Sloterdijk räumte in einem Interview in der Zeit ein: "Die europäische Traumzeit ist vorbei." Der grassierende Fatalismus, der die Europäer lähmt und ängstlich macht, rührt allerdings laut Sloterdijk auch von einer seltenen Krankheit - nämlich der "in Europa einheimischen Europhobie", wie er in seinem neuen Buch augenzwinkernd anmerkt. Um diese zu kurieren, setzt der Philosoph "Lesezeichen im Buch Europa" und unterzieht wichtige, aber auch in Vergessenheit geratene, Europa-Denker - vom Kulturphilosophen Eugen Rosenstock-Huessy bis hin zu Frantz Fanon und Susan Sontag - einer kritischen Lektüre. Mit großem Gewinn liest NZZ-Rezensent Guido Kalberer die hier versammelten Gedanken des "Schriftstellers unter den Philosophen": So erklärt Sloterdijk, dass Europa kontinuierlich versuchte, das Römische Reich in seiner Größe und Macht nachzuahmen - vergeblich und mit der Folge, dass es sich heute "in die Niemandsposition zurückgezogen" habe. Gleichzeitig hebt er aber die Errungenschaften des Kontinents, wie zum Beispiel die Religionsfreiheit, hervor. Auch vor allzu ausufernder Selbstkritik warnt Sloterdijk, so Kalberer, da diese Europa nur weiterhin marginalisiere. Wolf Lepenies hat in der Welt nur einen Kritikpunkt an diesem Band: Zu wenig Mittelmaß. Ob zum Ideal englischer Gentry oder zu den Monstrositäten des Marxismus - immer hat der Autor nicht einen, sondern viele treffende Einfälle und so kann Lepenies das auf Vorlesungen am Collège de France zurückgehende Buch allen Europaskeptikern nur nachdrücklich ans Herz legen.

Stephan Thome
Schmales Gewässer, gefährliche Strömung
Über den Konflikt in der Taiwanstraße
Suhrkamp Verlag. 366 Seiten. 25,00 Euro

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Taiwan ist möglicherweise der "gefährlichste Ort der Welt", schreibt der Economist, und SZ-Rezensent Kai Strittmatter kann sich nach der Lektüre des neuen Buches von Stephan Thome nur anschließen. Thome, Schriftsteller und Sinologe, der seit zwanzig Jahren in Taipeh lebt, macht dem Kritiker deutlich, dass spätestens nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine auch Taiwan ein ähnliches Schicksal drohen könnte. Strittmatter liest hier, welche Lügen die Kommunistische Partei Chinas in die Welt setzt, allen voran, dass Taiwan immer schon Teil Chinas gewesen sei. Macht China mit seinen Androhungen Ernst, könnte sich der Konflikt zu einem großen Krieg mit den USA ausweiten, wobei nicht mal klar ist, ob die USA unter Trump überhaupt noch als Schutzmacht fungieren werden. Für Strittmatter ein so kenntnisreiches wie aufrüttelndes Buch. Auch FAZ-Rezensent Mark Siemons lobt, wie Thome in seinem Essay Chinas Begriff von Nation und seine völkerrechtlichen Ansprüche analysiert: Mit Rückblicken auf die japanische Kolonialzeit und den chinesischen Bürgerkrieg versucht Thome Kategorien verständlich zu machen, um die sich der Konflikt dreht, so Siemons. Auch wenn der Autor den chinesischen Nationalismus nach Meinung des Rezensenten etwas zu negativ darstellt, Thomes Plädoyer für die Erhaltung des Status quo als derzeit verträglichste Lösung kann Siemons zustimmen. Thomes "literarische Doppelbegabung, gründliche Sach-Recherche und schriftstellerische Eleganz" machen das Buch "zu einer nicht nur informativen, sondern sofort anziehenden und eindrücklichen Lektüre", urteilt Claudia Christophersen im NDR.

Eva Horn
Klima
Eine Wahrnehmungsgeschichte
S. Fischer Verlag. 616 Seiten. 34,00 Euro

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Klima ist viel mehr als Klimakrise, ja viel mehr als Wetter, erinnert uns die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Eva Horn im Dlf-Kultur-Gespräch. Sie wirbt für ein kulturelles Verständnis von Klima, auch um uns wieder ein "unmittelbares Gespür" dafür zu vermitteln. So erinnert sie uns daran, welche enge Verbindung zwischen Kulturen und ihrem Klima einmal bestanden hat. FAZ-Rezensent Jürgen Goldstein lobt denn auch an dieser Wahrnehmungsgeschichte des Klimas Horns erhellende Begriffsarbeit, der er spannende sinnliche, kulturelle und historische Sichtweisen verdankt. Vom Begriff Klima führt die Autorin den Rezensenten über vergangene Vorstellungswelten in der meteorologischen Medizin und der thermischen Anthropologie bis hin zu Goethes Wolkenstudien. Ein besonders schönes Kapitel, so Goldstein, widmet Horn der "Meteorologie" als der Lehre von dem unregelmäßig "in der Luft Schwebenden" und der "Atmosphäre" als einem fließenden System: Herder etwa nannte die Menschen "Zöglinge der Luft", lernt er. Über das Ästhetische hinaus entwickelt die Autorin zudem eine politische Anthropologie des Klimas, fährt der Kritiker fort, der diesem "opulenten" Werk gern ein paar Wiederholungen verzeiht.

Lyndal Roper
Für die Freiheit
Der Bauernkrieg 1525
S. Fischer Verlag. 676 Seiten. 36,00 Euro

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In den letzten Monaten sind mehrere Bücher zum Bauernkrieg von 1525 erschienen. In den letzten Jahren wurde er von der Geschichtswissenschaft vor allem als "Nebenschauplatz der Reformationsgeschichte" behandelte, schreibt die Historikerin Lyndal Roper in ihrem Buch, mit dem sie genau das ändern will. Die Reformation sei nämlich nur dann zu verstehen, wenn man die "Ideen, Träumen und Hoffnungen" verstehe, die die Bauern damals antrieben und die "von der Reformation entfesselt worden waren". Dabei zeigt Roper, dass ihre Forderungen viel mehr mit dem Heute zu tun haben, als man denken könnte. Es ging den Bauern nämlich, erklärt uns die Autorin, auch um ökologische Gerechtigkeit, also um Naturschutz und faire Verteilung von Ressourcen. Die Kritiker hat sie überzeugt: Für Zeit-Rezensent Alexander Cammann ist ihr Buch die wichtigste Arbeit zum kommenden 500. Jahrestag. Wichtig, weil die Oxford-Historikerin spannend erzählt und nicht einzelne Gestalten oder Ideologien in den Blick nimmt, sondern verborgene Mentalitäten einer Welt in Aufruhr. Im Dlf Kultur musste sich Rezensentin Andrea Roedig erstmal die Augen reiben, ob Ropers Darstellung des Bauernkriegs als religiös und sozial inspirierter Ökobewegung, doch leuchtet ihr die These bald vollkommen ein: "Wie gehen wir mit der Natur um und wer hat die Macht, sich ihre Ressourcen anzueignen?" Das sind auch heute noch die entscheidenden Fragen, denkt sich die Kritikerin, die außerdem Ropers Kenntnisreichtum und Erzählkraft hervorhebt. In der FAZ lobt Markus Friedrich die fast lyrische Tonlage, mit der die Autorin Jahreszeiten und Stimmungen heraufbeschwört: Das sei zwar ungewöhnlich für ein Geschichtsbuch, aber gerade dadurch gelinge ihr eine überzeugende Einfühlung in Zeit und Umstände der Geschehnisse.

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