Frauen im Sanatorium

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN
9783498007324
Gebunden, 304 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Nach dieser Sache befindet sich Anna, die Heldin des Romans, in einem Sanatorium. Dort trifft sie auf Marija, die ständig Monologe über ihre tote Mutter hält, auf Elif, die sich jeden Tag ein neues Märchen ausdenkt, und auf Katharina, die Bundeswehr-Soldatin, die jede Nacht Rotwein mit Wodka trinkt. Und dann ist da noch Pepik, der blasse Flamingo aus dem Kurpark, dem Anna von ihrer Emigration erzählt, von der Zeit, als ihre Mutter aufhörte, ihr unsichtbare Kreise auf die Wange zu zeichnen, und der Vater sich kaum noch blicken ließ. Vor allem aber spricht Anna mit Pepik tagtäglich über die Liebe. Denn Liebe gibt es überall, gerade und sogar an einem derart deprimierenden Ort wie einer Klinik.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 07.01.2026
Zunächst stolpert man, dann ist man drin: So beschreibt Rezensentin Judith von Sternburg diesen Debütroman, der vom Leben in einer psychiatrischen Klinik erzählt, die ironisch "Sanatorium" heißt. Im Zentrum steht Anna, die sich nach einem Suizidversuch fragt, warum sie noch lebt, umgeben von Figuren wie der geheimnisvollen Elif, der exhibitionistischen Veronika, der soldatischen Katharina und dem begehrten David, lesen wir. Therapie gibt es kaum, dafür Alkohol, Lügen, Fantasie und einen Therapeuten, dessen "schiefer Stuhlkreis" mehr zum Erfinden als zum Heilen anregt. Der Roman lebt von seiner "fundamentalen Unzuverlässigkeit", so die Kritikerin, bleibt psychologisch bewusst "holzschnittartig" und entfaltet gerade daraus seine Reize: ein unheimliches, teils märchenhaftes, teils zynisches Spiel, dessen Funken aus dem Erzählen selbst schlagen.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 13.12.2025
Dass sie erzählen kann, beweist Anna Prizkau spätestens jetzt, mit ihrem Debütroman, stellt Rezensentin Marlen Hobrack fest: Eine gelassene, klare, teils auf ganz unaffektierte Weise originelle Prosa ist das, voller eigenwilliger Formulierungen und Neologismen. Wenn eine solche Autorin vom Erzählen und um des Erzählens willen erzählt, dann reicht das Hobrack. Dann tut es dem Text "keinen Abbruch", schreibt Hobrack, dass man hin und wieder vor diesem Text zu stehen meint, wie vor verschlossener Tür, ohne Schlüssel. Dann zählt auch nicht, wie viel Autobiografie in dieser Autofiktion steckt, oder wie viel "Wahrheit" in den Erzählungen der Erzählerinnen, den titelgebenden "Frauen im Sanatorium". Denn darum geht es nicht, weiß Hobrack. Vielmehr geht es um die Frage, ob das, was sie hier tun - hier im Buch und hier im Sanatorium - ob diese narrative Strukturierung der eigenen Biografie heilen kann, oder ob sie nur neue Illusionen erzeugt, neue Selbstlügen festschreibt. Ein feiner und selbstgenügsamer Debütroman über Narration als "Therapie, Täuschung" und Überlebensstrategie, so die überzeugte Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2025
Interessiert, aber letztlich wertungsfrei bespricht Rezensentin Emilia Kröger Anna Prizkaus Roman, der aus einem gleichnamigen Text hervorgegangen ist, der in Klagenfurt für Diskussionen gesorgt hat. Wie dieser Ausgangstext ist auch der Roman von einer nüchternen, bloß beschreibenden Sprache gekennzeichnet, so Kröger, die Handlung spielt in einer geschlossenen psychologischen Anstalt und schließt damit an eine reiche literarische Tradition an. Die Hauptfigur Anna ist hier, weil sie einen Selbstmordversuch hinter sich hat, außerdem tauchen weitere Patientinnen mit diversen Liebes- und Familienproblemen sowie ein Patient namens David auf, mit dem Anna etwas anfängt. Kröger ist sich nicht sicher, ob psychische Probleme so eins zu eins aus familiären und anderen Prägungen abzuleiten sind, wie der Roman dies zu suggerieren scheint. Letztlich bleibt aber auch der Roman mit Blick auf diese Frage ambivalent, schließt die Besprechung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.08.2025
Rezensent Bernhard Heckler langweilt sich ein bisschen beim Interview mit Anna Prizkau. Seine Besprechung von Prizkaus Roman ist auch ein bisschen langweilig. Der Roman sei aber nicht langweilig, beteuert Heckler, vielmehr eine "schwermütige", "unsentimentale", "sexy" Erzählung über Frauen in einer psychiatrischen Klinik. Die Protagonistin hat eine heiße Affäre mit einem Mitpatienten. Mit der Psychiatrie kennt die Autorin sich aus, versichert Heckler.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 17.07.2025
"Bereichert und erfrischt" liest Kritiker Alexander Cammann den Debütroman von Anna Prizkau, dessen Protagonistin ebenfalls Anna heißt und auch einen russischen Migrationshintergrund hat. Jetzt ist sie wegen eines von ihr verursachten Verkehrsunfalls im Sanatorium, wo sie Marija und Elif kennengelernt hat und mit ihnen enge Freundschaften eingeht, verrät Cammann. Ziemlich lustig findet er es, wie die Frauen zusammenhalten, sich über den unfähigen Therapeuten lustig machen und ihre Schicksale bewältigen. Er versichert zudem, dass die Geschichte nicht in Kitsch abrutscht, dafür sorgt der "freie Schwung der Freundschaften" und vor allem die innovative Sprache: Prizkau entlocke der deutschen Sprache mit ihrem ganz eigenen Blick immer neue Formulierungen - die Schultüte, die zur "Kegeltüte" wird, ist da nur eines der vielen Beispiele, die den Rezensenten überzeugt haben.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 17.07.2025
Rezensentin Undine Fuchs lässt sich gerne hineinziehen in diesen "Mikrokosmos voll unzuverlässiger Erzähler", den Anna Prizkau mit ihrem im Sanatorium angesiedelten Roman erschafft. Die Protagonistin heißt ebenfalls Anna, hat ihre Kindheit in einer "anderen Stadt", eigentlich sogar einem anderen Land, erlebt und hat bis ins Erwachsenenalter versucht, es allen recht zu machen - bis sie schließlich versucht, sich von einem Auto überfahren zu lassen, erklärt Fuchs. In der Klinik lernt sie Elif kennen, deren Verlobter abgehauen ist und die ihr lauter Geschichten über die anderen Patienten erzählt, die allerdings nicht unbedingt dem entsprechen, was die Patienten selbst von sich erzählen. Für Fuchs machen gerade diese Irritationen, die sich durch die verschiedenen Versionen der Geschichten ergeben, den Reiz dieses Romans aus.