Henning Schmidgen (Hg.)

Lebendige Zeit

Wissenskulturen im Werden
Cover: Lebendige Zeit
Kadmos Kulturverlag, Berlin 2005
ISBN 9783931659691
Gebunden, 473 Seiten, 29,80 EUR

Klappentext

Wissenschaft und Technik prägen in zunehmendem Maße unser Verständnis und unser Erleben von Zeit. Datennetze und Satellitensysteme führen zur Synchronisierung im globalen Maßstab, während Genetiker mit neuem Deutungsanspruch die Vergangenheit und Zukunft von Lebewesen bestimmen. Neurobiologen entdecken Zeitabstände im menschlichen Gehirn, die das Selbstverständnis des modernen Subjekts zu untergraben scheinen. Die Beiträge in diesem Band verdeutlichen, dass sich diese Situation keiner allgemeinen Tendenz zur Beschleunigung und keinem linearen Fortschritt verdankt. Seit dem 19. Jahrhundert sind es vielmehr spezifische, lokale Bewegungsgefüge, die - aufgestellt in Laboratorien, Museen und Fabriken - unser Wissen über die Zeit und das Leben formen. Das gilt für die Physiologie Claude Bernards ebenso wie für die Psychoanalyse Sigmund Freuds, für Einsteins Relativitätstheorie ebenso wie für die Artificial Life-Programme der heutigen Bioinformatik. Damit von Zeit überhaupt die Rede sein kann, müssen die Bewegungen von Menschen, Maschinen und Tieren, von Bildern, Dingen und Schriften unterbrochen und neu kombiniert werden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.07.2006

Kluges Nichtwissen, das ist alles,was sich der Mensch beim Nachdenken über das Wesen von Zeit erwarten darf. So schließt Thomas Thiels Besprechung des vorliegenden Bandes, der in mehreren Aufsätzen einen epochalen Bruch im Denken über Zeit reflektiert. Zeit - so Thiel - wurde lange Zeit als Abstraktum und vom menschlicher Wahrnehmung losgelöstes Absolutum betrachtet. Erst Einsteins Relativitätstheorie hat mit diesen Modellen gebrochen und konkrete Fragen an Physik, Wahrnehmung und Psychologie der Zeit gestellt. Wenn man schon ihr Innerstes nicht definieren kann, kann man auf diesem Wege doch einiges über ihr Funktionieren erfahren. Anhand einiger der Essays schildert Thiel den Gang dieses neuen Ansatzes, von Einstein über Helmholtz bis zur Donders-Maschine. Man muss die geistige Kraft fürs Thema mitbringen, aber dann scheint der Band interessant zu sein.
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