Was wir wissen können
Roman

Diogenes Verlag, Zürich 2025
ISBN
9783257073577
Gebunden, 480 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Im Jahr 2119: Die Welt ist überschwemmt, Europa eine Insellandschaft, Freiheit und Reichtum unserer Gegenwart - ein ferner Traum. Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe sucht ein verschollenes Gedicht von Weltrang. Der Dichter Francis Blundy hat es 2014 seiner Frau Vivien gewidmet und nur ein einziges Mal vorgetragen. In all den Spuren, die das berühmte Paar hinterlassen hat, stößt Thomas auf eine geheime Liebe, aber auch auf ein Verbrechen.
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Die Tageszeitung, 15.11.2025
Rezensent Dirk Knipphals freut sich über Ian McEwans neuen Roman, der ihn in seiner kontraintuitiven Mischung fasziniert: Optimismus und Pessimismus, Hermeneutik und Dystopie, Sonettenkranz und Klimakatastrophe werden hier zusammengeführt, ohne dass das irgendwie gekünstelt oder verkrampft wirkt, staunt der Kritiker. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive eines im Jahre 2120 Lebenden, der sich mit einer Art privatem Forschungsinteresse mit unserer heutigen Gegenwart beschäftigt und das eben nicht nur anklagend ob der vertanen Möglichkeiten tut, sondern auch fasziniert ist von Wissenschaft, Kultur, Sport. Das sei an sich schon eine interessante "dicke zweite Schicht", meint Knipphals. Aber wie McEwan das auch noch mit dem Lyrik-Thema verbindet, weil die Nachforschungen des Erzählers um einen Sonett-Abend 2014 kreisen, inklusive Klatsch und Tratsch der Veranstaltung, findet der Kritiker kühn und "souverän bis brillant" umgesetzt. Auch, wie es McEwan gelinge, die Ereignisse zwischen 2014 und 2120 mühelos und nur über "Hineintröpfeln" in Nebensätzen deutlich werden zu lassen, erntet großen Respekt des Kritikers.
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Neue Zürcher Zeitung, 21.10.2025
Rezensent Daniel Haas schmeckt die neue Wundertüte des eigentlich brillanten Weltautoren nicht so recht. Zu zahlreich seien dafür die angeschnittenen Themen, oft zu ungelenk die Übergänge zwischen ihnen, die die Frage aufkommen lassen, ob sich McEwan während der Bearbeitung eines Stranges irgendwann gelangweilt dem nächsten gewidmet hat. Das obwohl Haas gerne der Prämisse folgt: Im Jahre 2119 macht sich der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe in einer von Kriegen und Klimakatastrophen geplagten Welt auf die Suche nach einer verschollen geglaubten Gedichtsammlung, die der Dichter Francis Blundy eigens für den Geburtstag seiner Frau Vivien zu Pergament gebracht hat. In diesem ersten Romanteil gelingt es McEwan mit gewohnter Eleganz die Handlungsebenen von Metcalfes Recherchen und Einblicken in das Leben und die Ehe Blundys mit der seiner eigenen Ehe zu seiner Frau Rose zu überblenden. Haas freut sich sogar über den hier angeschlagenen, selbstreflexiv-satirischen Ton. Doch wozu dann der zweite Teil, in dem Vivien zu Wort kommt und von ihrem skandalösen Verhältnis zu Blundy berichtet? Haas mundet das nicht, der erste Teil verkommt so zu einer allzu ausstaffierten Rahmenhandlung. Es fehlen schlicht die Verbindungslinien, was, selbst bei einem so angesehenen Autoren, passable von gelungenen Romanen unterscheidet, seufzt der Kritiker.
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025
Rezensent Paul Ingendaay blickt mit Begeisterung unter die Haube des achtzehnten Romans des 77-jährigen Briten. Als Motor findet er dabei das Geheimnis rund um fünfzehn Sonette, die der Dichter Francis Blundy anlässlich des Geburtstages seiner Frau Vivien auf Tierhaut schreibt und ein einziges Mal vorträgt, bevor sie spurlos verschwinden. Im Jahre 2119 macht sich der Literaturwissenschaftler Tom Metcalfe mit seiner Lebensgefährtin Rose auf die Suche. Ingendaay erfreut sich an McEwans impressionistischer Karosserie: Die von McEwan imaginierte Zukunft beschränkt sich auf Andeutungen und Hinweise in Dialogen. Der Kritiker erfährt lediglich, dass Klimakatastrophen einen Großteil der Welt unter Wasser gesetzt haben, Nigeria zur mächtigsten Nation wurde und überall mit Naira bezahlt wird. Primär gehe es McEwan um die Frage nach der Einholbarkeit der Vergangenheit, der er mit seinem "naturwüchsigen" Realismus nachgehe. Ingendaay ist fasziniert von der Schwerelosigkeit der Sätze, vom Talent des Autors, moralische Wucht hinter Zurückhaltung verstecken und "in Zimmerlautstärke" erzählen zu können. Frustriert ist er nur von der Fehldeutung anderer, die diese Leichtfüßigkeit mit Einfachheit verwechseln.
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Die Welt, 11.10.2025
Jan Küveler erkennt in Ian McEwans neuem Roman das Gesellschaftsdrama, die akademische Satire und apokalyptischen Sci-Fi in einem. Mit Lust an Übertreibungen, so Küveler, entwirft der Autor das Bild einer Zukunft im Jahr 2119, die auf unsere Gegenwart als verlorenes Paradies zurückschaut und dabei der Fiktion auf den Leim geht. Im Zentrum der Handlung steht ein Literaturprofessor, der letzte seiner Sorte inmitten einer technisierten Welt, der einen Sonettenkranz aus dem Jahr 2014 und seine Entstehung zur Projektionsfläche für die Nachwelt stilisiert, erklärt Küveler. Amüsante Lektüre mit Tiefgang, findet er.
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Frankfurter Rundschau, 24.09.2025
Ian McEwan gelingt mit seinem neuen Roman ein kluger Zukunftsentwurf und zugleich eine Liebesgeschichte, staunt Rezensentin Sylvia Staude. Im Jahr 2119 sucht der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe obsessiv nach einem verlorenen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy und behauptet kühn: "Ich hätte dort sein können. Ich bin dort." Die dystopische Kulisse - "Unruhen mehrerer Kriege, einiger Pandemien, eines nuklearen Schlagabtauschs" und eine "katastrophale Überflutung" - dient McEwan als Hintergrund für Fragen nach dem, was in Zukunft von der Welt, wie wir sie kennen, übrig bleiben wird. Das Werk avanciert nach der zweiten Hälfte dann zu einem waschechten Liebesroman, der sich zwischen Metcalfe, seiner Geliebten und zwischen Blundys Frau Vivien und ihrem ersten Mann Percy abspielt, lesen wir. Staude ist von dieser Mischung aus "ironisch-amüsantem" und "bestürzendem" Ton (Dystopie) jedenfalls angetan.
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Süddeutsche Zeitung, 24.09.2025
Rezensent Florian Kaindl findet den Roman, der im Jahr 2119 spielt, mit Blick auf unsere Gegenwart nicht sonderlich "scharfsinnig". McEwans Erkenntnisse über die aus seiner Sicht "ausgestorbene Spezies von heute" seien zu banal und einfallslos. Hauptfigur und Erzähler aus Ich-Perpektive ist der Literturwissenschafter Thomas Metcalf, der sich auf die Such nach einem verschollenen Gedicht, dem "Sonettenkranz für Vivien" von Francis Blundy, macht. Letztlich geht es um die Bedeutung von Literatur und Geschichte in einer zerstörten Zukunft und darum, warum es wichtig bleibt, sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen. Der Rückblick auf aktuelle Gegebenheiten unserer Konfliktreichen Welt, wird nicht besonders klug weitergesponnen. Das, was der britische Autor da von sich gibt, habe man einfach schon zu oft gehört. Aber Kaindl besteht auch darauf, dass der Roman in der kunstvollen Verflechtung von Realität und Fiktion eine zusätzliche Ebene erreicht. Und mit den literarischen Bezügen, die Ewan aufmacht, liefert er, trotz allem, einen "Beweis für die Schönheit und den zeitlosen Charakter der Literatur", schließt der Kritiker.
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Deutschlandfunk, 23.09.2025
Rezensentin Julia Schröder ist sehr überzeugt von McEwans klugem Zukunftsroman über die Frage, ob sich die Vergangenheit schreibend wiederbeleben lässt. Der geht der Literaturhistoriker Tom Metcalfe nach, der sich im Jahr 2119 auf die Suche nach einem verschollenen Manuskript des Lyrikers Francis Blundy begibt. Dieser soll 2014 für den Geburtstag seiner Frau Vivien Sonette vorgetragen haben, die als Geschenk nur in einer einzigen, verloren geglaubten Abschrift vorliegen. Die Suche wird Metcalfe jedoch durch die dystopischen Umstände der Romanwelt erschwert: Eine Reihe von Kriegen und klimabedingten Umweltkatastrophen, die insgesamt als "Disruption" bezeichnet werden, haben zu einer großen Überflutung geführt. Papier und Handschriftliches können nur noch in abgelegenen Archiven überleben, digitale Daten der Vergangenheit hingegen, darunter auch vermeintliche Privatinformationen wie Textnachrichten, sind problemlos recherchierbar. Diese Mischung aus faktenbasierter und poetisch überhöhter Weltenbildung kennt Schröder aus vergangenen McEwan-Romanen, hier ist es die Kreuzung eines historischen Abenteuerromans mit einer postmodernen Detektivgeschichte. Gespannt folgt die Kritikerin Metcalfes mit genüsslicher Detailverliebtheit beschriebenen Versuchen, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Sobald er dann noch auf neue Tagebücher von Vivien stößt - "ein autofiktionaler Roman im Roman" -, begeistert die Kritikerin auch die anfänglich ungelenk wirkende Zweiteilung dieses Textes, der letztlich die Vergänglichkeit der Gegenwart betont.
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Die Zeit, 18.09.2025
Rezensent Adam Soboczynski trifft sich in London mit dem Schriftsteller Ian McEwan, der mit seinem neuen Roman ein großes Alterswerk vorgelegt hat: Die Geschichte spielt 2119, die Menschheit hat Kriege und Katastrophen hinter sich, nur ein einsamer Literaturwissenschaftler namens Tom Metcalfe erinnert sich noch an die Menschen, die zur jetzigen Zeit gelebt haben. Er erforscht den Schriftsteller Francis Blundy, der seiner Frau 2014 ein vielgerühmtes Sonett gewidmet hat, auf das zwar viele Quellen verweisen, das er aber nicht in seiner ursprünglichen Form finden kann, wie wir erfahren. Soboczynski liest hier von menschlicher und künstlicher Natur, von der Zukunft und vom Verbrechen - das ist anspruchsvoll und pageturner-spannend zugleich. Der Kritiker ist nach dem Treffen mit McEwan begeistert von dessen jugendlicher und perspektivenreicher Herangehensweise.