Aus dem Japanischen und mit einem Nachwort von Michael Stein. Obwohl wir heute Japan längst als verwestlichte Industrienation wahrnehmen und es nicht länger mit Kirschblüten-Mondschein-Exotik verklären, die ohnehin nur das Produkt einer romantisierenden westlichen Rezeption war, hat doch dieses Japan in den vergangenen 150 Jahren einen entschieden weiteren Weg in die Gegenwart zurückgelegt als Europa. Vor allem das soziale Gefüge und die Stellung der Frau unterschieden sich in der Zeit um 1890, als die vorliegenden Texte entstanden, tiefgreifend von der gesellschaftlichen Situation in Europa. Die Autorin Higuchi Natsuko (1872-1896), die ihre Werke unter dem Schriftsteller-Pseudonym Ichiyo veröffentlichte, lebte in einer Epoche des Umbruchs. Im Zentrum ihrer Erzählungen stehen naturgemäß Frauengestalten, und wir begegnen hier drei verschiedenen Frauentypen, die sich mit unterschiedlichen Methoden, in unterschiedlichen Situationen und mit unterschiedlichem Erfolg mit ihrer sozialen Lage auseinandersetzen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.05.2008
Ludger Lütkehaus stellt mit Higuchi Ichiyo die erste japanische Autorin der Moderne vor und lässt sich mit dem nun erschienenen Band "In finsterer Nacht und andere Erzählungen" beeindruckt auf ein faszinierendes Leseerlebnis ein. Ichiyo, 1872 in Tokio geboren und bereits mit 24 Jahren an Tuberkulose gestorben, schrieb in der Meiji-Epoche, die sich durch umwälzende technische, gesellschaftliche und kulturelle Neuerungen auszeichnete, erklärt der Rezensent. Ihre Erzählungen zeigten Frauen, die in dieser modernen Welt immer noch unter den alten Familienhierarchien und Geschlechterrollen leben, woraus die Erzählungen auch ihre Spannung schöpften, so Lütkehaus. Das Charakteristikum dieser Texte sieht er in der Mischung aus traditionellen literarischen Versatzstücken und unverkennbar "modernen Erzählelementen". Hier nennt der Rezensent insbesondere den offenen Schluss, den jede der drei Erzählungen dieses Bandes aufweist und der Lütkehaus als Indikator für einen Aufbruch der Protagonisten in ein anderes Leben gilt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2007
Rezensent Steffen Gnam bespricht einen Band mit Erzählungen von Higuchi Ichiyo, die er als erste wichtige japanische Schriftstellerin der Moderne vorstellt. Sie wurde 1872 geboren und starb bereits 1896 an Tuberkulose, berichtet der Rezensent, der sie als "Chronistin" einer japanischen Umbruchszeit würdigt, die insbesondere das Unsicherheitsgefühl, das mit dem Wandel zur Moderne einherging, festhielt. So erzählt Ichiyo in der Geschichte "Die Nacht der Herbstmondfeier" vom Konflikt zwischen von außen auferlegter Pflicht und dem Wunsch nach Selbstbestimmung, wenn sie vom Schicksal der in einer arrangierten Ehe leidenden O-Seki erzählt. In "Am letzten Tag des Jahres" geht es um den Diebstahl einer Dienstmagd, die ausgerechnet durch den das Geld des Vaters in Spielhöllen verschleudernden Sohn des Hauses vor der Entlarvung bewahrt wird, berichtet Gnam. Die Titelgeschichte schließlich dreht sich um das Machtgebaren der Regierungsschicht der "Meiji-Zeit" und beschreibt das scheiternde Attentat einer Tochter, die den durch einen Abgeordneten verschuldeten Selbstmord ihres Vaters rächen will. Alle Erzählungen fangen eine dramatische Situation ein, meint Gnam, dem sie zwar alles in allem etwas überkonstruiert erscheinen, der aber dennoch diese Bestandaufnahme des im Wandel befindlichen Japans sehr interessieren zu finden scheint.
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