Wie konnten Menschen tun, was sie ihresgleichen in den ungeheuren Gewaltgeschichten der Moderne angetan haben? Iris Därmann findet eine Antwort in der zentralen Rolle einer historisch neuen Gewaltlust. In der transatlantischen Versklavung verband sich diese Lust an der Gewalt unauflöslich mit der Folter der Auspeitschung. Der Marquis de Sade war über die Zustände in den französischen Kolonien nicht nur gut unterrichtet, er hat die koloniale Gewaltlust auch literarisch sichtbar gemacht und in pornografische Praktiken verwandelt, die auf die Aufhebung der Sklaverei zielten. In Därmanns Analyse kommt Sade daher eine Schlüsselstellung zu: Sadismus ist in dieser Perspektive eine organisierte Gewaltpraxis, ein pornografisches Genre und ein kolonialrassistischer Gebrauch der Lüste. Gegen den verharmlosenden Versuch der Sexualwissenschaften des späten 19. Jahrhunderts, "Sadismus" auf die "Perversion" von Einzeltätern zu reduzieren, untersucht Därmann augenöffnend das gezielte Wiederaufgreifen der Peitschenfolter bei der Kolonisierung Afrikas und der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden; sie gibt dabei insbesondere jenen Raum, die der sadistischen Gewalt ausgesetzt waren, sie hellsichtig diagnostiziert und sich ihr widersetzt haben. Seit den 1930er-Jahren wurde Sadismus so auch zu einer kritischen Kategorie: Aimé Césaire, Frantz Fanon, Jean Améry, Georges Bataille und Pierre Klossowski fanden zurück zu Sades radikalpolitischem Projekt und stellten sich ihm zugleich bei der Suche nach einem anderen Begehren entgegen, das den menschlichen Körper nicht zur sadistischen Beute macht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2023
Im Ganzen für ergiebig hält Rezensent Maximilian Gillessen Iris Därmanns Buch über das historische Erbe des Sadismus, im Detail übt er jedoch auch Kritik. Die Autorin will aufzeigen, erfahren wir, dass Sadismus keine bloß individuelle Pathologie ist, sondern eine gesellschaftliche Dimension hat. Diese offenbart sich, referiert Gillessen weiter, insbesondere in den europäischen Kolonialregimes, die in zeitgenössischer Reiseliteratur mithilfe empathieloser gewaltpornografischer Exzesse verharmlost wurden. Nicht ganz überzeugt ist der Rezensent von Gillessens These, dass die Schriften des Marquis de Sade demgegenüber als politische Kritik zu lesen seien, weil bei ihm anstatt schwarzer weiße Körper der sadistischen Gewalt ausgesetzt werden. Weiterhin geht es, heißt es weiter, um das Motiv der Peitsche und die Frage, inwieweit die Shoah ebenfalls von sadistischen Psychodynamiken her zu verstehen ist. An dieser Stelle fragt sich Gillessen, wie Därmann zur Frage nach einer möglichen Kontinuität von Kolonialismus und der Shoah steht, kommt aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. Auch inwieweit die skizzierte Geschichte des gesellschaftlichen Sadismus in die Gegenwart oder auch Vergangenheit fortsetzbar ist, bleibt laut Gillessen offen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.09.2023
Rezensent Thomas Steinfeld macht das Buch der Kulturwissenschaftlerin Iris Därmann Vorfreude auf mehr. Das Thema Gewalt und Lust ist noch längst nicht ausgedacht, findet er. Därmann bietet ihm eine anregende Darstellung zu den möglichen Verbindungen zwischen Kolonialismus und Sadismus, die in kurzen Kapiteln episodisch vorgeführt werden. Wie sich der Sadismus "aus den Kolonien kommend" in den Zuchthäusern und Familien verbreitet habe, wie die Nazis ihn ins Extrem gewendet hätten, das erläutert die Autorin laut Steinfeld durchaus überzeugend. Die Frage, ob der Sadismus nicht ein allgemeineres, viel älteres Phänomen sei, lässt Steinfeld allerdings nicht los. Auf eine Antwort wartet er gespannt.
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