Ivna Zic

Wahrscheinliche Herkünfte

Cover: Wahrscheinliche Herkünfte
Matthes und Seitz, Berlin 2023
ISBN 9783751809177
Gebunden, 217 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Wie erzählen von einer Vergangenheit, die wir selbst nicht erlebt haben? Wie und in welcher Sprache erzählen von und über Geschichten, die wir nicht nachempfinden können? Denn wenn wir sprechen, sprechen wir Gegenwart, in der die Vergangenheit aber mitspricht: Wer also verstehen möchte, was er spricht, muss auch die Sprache der Toten verstehen. Ivna Žic öffnet in ihrer autofiktionalen Reflexion Zugänge zu den völlig unterschiedlichen Welten ihrer beiden Großmütter und des schweigsamen Großvaters, in deren Leben sich europäische Geschichte und eine untergegangene Welt spiegeln, die nach wie vor in uns weiterlebt und unser Handeln bestimmt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2023

Rezensent Michael Martens staunt über Ivna Žics umsichtige Spurensuche zu einem in Europa wenig bekannten Großverbrechen, dem Massaker von Bleiburg. Ausgehend von ihrem Großvater, der im Zuge des Massakers in ein Arbeitslager kam und später nie darüber sprach, nähert sich die Autorin und Theaterregisseurin den Massentötungen, die 1945 nach der deutschen Kapitulation an Zehntausenden Menschen ausgeübt wurden, die vor den Partisanen aus Jugoslawien nach Österreich fliehen wollten. Dabei mache Žics differenzierte Darstellung auch deutlich, lobt Martens, wie kompliziert die Opfer-Täter-Verteilung tatsächlich war. Denn unter den Ermordeten fanden sich nicht nur unschuldige, sondern auch Anhänger des kroatischen faschistischen Regimes und zahlreiche Kollaborateure der deutschen Besatzer, was später dazu führte, dass das Verbrechen zunächst totgeschwiegen und dann im autoritären System in den neunziger Jahren zum "staatsbegründenden Bleiburg-Narrativ" erhoben wurde, wie Martens wiedergibt. Wie Žic so die Komplexität des historischen Umgangs mit diesem Ereignis auffächert, in "kluger, vorsichtiger und präziser" Prosa, scheint dem Kritiker höchst verdienstvoll.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.06.2023

Rezensent Paul Jandl spürt, wie die hier versammelten Essays von Ivna Zic ihm auf heilsame Weise den Boden unter den Füßen wegziehen. Was Zic über Identität schreibt - dass es sich dabei um etwas Ambivalentes handelt -, scheint Jandl nachvollziehbar. Anhand ihrer schillernden Familiengeschichte zwischen Deutschland, Kroatien und der Schweiz berichtet die Autorin auch über ein Jahrhundert der Risse und Wunden, erklärt Jandl. Eine intellektuelle Spurensuche und ein persönliches Abenteuer, meint er.

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