Jakob Künzler (1871-1949) arbeitete von 1899 bis 1922 als Krankenpfleger in einem Missionsspital in der multiethnischen osmanischen Stadt Urfa (heutige Südosttürkei). Sein Buch von 1921 ist einer der wichtigsten neutralen Augenzeugenberichte der armenischen Tragödie im Ersten Weltkrieg. Der Autor erlebte hautnah, wie das jungtürkische Kriegsregime den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts verübte. Seinen erschütternden Bericht hat er in einer klaren, ungeschminkten Sprache geschrieben. Das 1921 in Deutschland herausgegebene Buch ist längst vergriffen und nur in wenigen Bibliotheken auffindbar. Mit dieser Neuauflage wird dieses seltene Dokument einem interessierten Publikum und der historischen Wissenschaft wieder zugänglich gemacht. Eine Einleitung mit biographischen Angaben und historischen Erläuterungen des Herausgebers Hans-Lukas Kieser sowie Berichte Künzlers aus den Jahren 1919-1921 ergänzen dieses wichtige Zeitzeugnis.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.06.2000
In einer Doppelrezension bespricht Wolfgang Koydl zwei Bücher, die sich mit dem Völkermord an den Armeniern in der osmanischen Türkei befassen.
1) Hans-Lukas Kieser (Hrsg.): "Die Armenische Frage und die Schweiz (1986-1923)" (Chronos Verlag)
Den Titel des Buches findet der Rezensent ein wenig "irreführend" und weist darauf hin, dass auch die Deutschen bei dem Völkermord an den Armeniern eine Rolle gespielt haben. Davon abgesehen zeigt sich Koydl jedoch sehr beeindruckt von diesem Sammelband und hebt besonders den Beitrag des türkischen Soziologen Taner Akcam hervor. Akcam bescheinige der Türkei eine `hysterische Persönlichkeit` im Umgang mit der eigenen Geschichte, die sich - so Koydl - besonders deutlich in den aggressiven Reaktionen (z. B. in der europäischen Ausgabe von "Hürriyet") zeigt, sobald die Armenier-Frage thematisiert wird. Die Tatsache, dass die Türkei "- stets latent aggressiv und mimosenhaft reizbar - mit der ganzen Welt" hadert, versuche Akcam mit der mangelnden Aufarbeitung der Geschichte zu erklären, die allerdings nötig sei, wenn die Türkei zu einem "gleichberechtigten und respektierten Mitglied der Völkergemeinschaft" werden wolle, so der Rezensent. Koydl betont, dass Akcams Beitrag - wie auch die übrigen Beiträge des Bandes - sich durch Ausgewogenheit auszeichnet und nicht in "blindwütige Türken-Schelte ausartet".
2) Jakob Künzler: "Im Lande des Blutes und der Tränen" (Chronos Verlag)
Koydl findet, dass sich "heute, mit der Erfahrung des stalinistischen und des nazistischen Terrors" dieses Buch "noch bedrückender" liest. Zwar sei unübersehbar, dass Künzler für die Armenier als Minderheit in der osmanischen Türkei "instinktiv eher Partei" ergreift. Koydl betont allerdings, dass Künzler auch diejenigen Türken würdigt, die sich den Befehlen zum Völkermord widersetzten.
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