Mitte der 1890er Jahre kam es in der osmanischen Türkei zu Pogromen an den Armeniern. Zwanzig Jahre später ließ die jungtürkische Regierungsclique die Armenier deportieren und zu einem großen Teil vernichten. Es ist Zeit geworden für eine gründliche Aufarbeitung der armenischen Frage, inklusive des Völkermords von 1915. Die Schweiz hat einen wesentlichen Teil zur Bewältigung dieser Aufgabe beizutragen. Nicht nur hatte eine bedeutende osmanisch- und russisch-armenische Exilgemeinde sie vor hundert Jahren zu ihrem intellektuellen Zentrum gewählt, sondern hier entstand auch eine bemerkenswerte helvetische Solidaritätsbewegung. Die Beiträge von namhaften europäischen, armenischen, türkischen und kurdischen Historikerinnen und Historiker beschränken sich nicht auf den Schauplatz Schweiz; sie geben auch - nicht zuletzt auf der Grundlage schweizerischer Augenzeugnisse - einen guten Einblick in die nicht immer einfach fassbaren Vorgänge auf osmanischen Schauplätzen. Sie tun dies auf einer Quellenbasis, die erst seit kurzem in diesem Umfang zugänglich ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.06.2000
In einer Doppelrezension bespricht Wolfgang Koydl zwei Bücher, die sich mit dem Völkermord an den Armeniern in der osmanischen Türkei befassen.
1) Hans-Lukas Kieser (Hrsg.): "Die Armenische Frage und die Schweiz (1986-1923)" (Chronos Verlag)
Den Titel des Buches findet der Rezensent ein wenig "irreführend" und weist darauf hin, dass auch die Deutschen bei dem Völkermord an den Armeniern eine Rolle gespielt haben. Davon abgesehen zeigt sich Koydl jedoch sehr beeindruckt von diesem Sammelband und hebt besonders den Beitrag des türkischen Soziologen Taner Akcam hervor. Akcam bescheinige der Türkei eine `hysterische Persönlichkeit` im Umgang mit der eigenen Geschichte, die sich - so Koydl - besonders deutlich in den aggressiven Reaktionen (z. B. in der europäischen Ausgabe von "Hürriyet") zeigt, sobald die Armenier-Frage thematisiert wird. Die Tatsache, dass die Türkei "- stets latent aggressiv und mimosenhaft reizbar - mit der ganzen Welt" hadert, versuche Akcam mit der mangelnden Aufarbeitung der Geschichte zu erklären, die allerdings nötig sei, wenn die Türkei zu einem "gleichberechtigten und respektierten Mitglied der Völkergemeinschaft" werden wolle, so der Rezensent. Koydl betont, dass Akcams Beitrag - wie auch die übrigen Beiträge des Bandes - sich durch Ausgewogenheit auszeichnet und nicht in "blindwütige Türken-Schelte ausartet".
2) Jakob Künzler: "Im Lande des Blutes und der Tränen" (Chronos Verlag)
Koydl findet, dass sich "heute, mit der Erfahrung des stalinistischen und des nazistischen Terrors" dieses Buch "noch bedrückender" liest. Zwar sei unübersehbar, dass Künzler für die Armenier als Minderheit in der osmanischen Türkei "instinktiv eher Partei" ergreift. Koydl betont allerdings, dass Künzler auch diejenigen Türken würdigt, die sich den Befehlen zum Völkermord widersetzten.
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