Aus dem Englischen von Rita Seuß und Thomas Wollermann. Als Ned Gudgeon mit schwerem Kopf in einer Gefängniszelle erwacht, hat er die vergangenen zwei Jahre seines Lebens fast vergessen und weiß auch nicht, warum er eingesperrt wurde. Unsichtbare Kerkermeister versorgen ihn mit dem Nötigsten; der einzige Luxus, so scheint es, sind Papier und Tinte, und nach einiger Zeit, als sein Erinnerungsvermögen langsam zurückkehrt, beginnt Ned, seine Geschichte aufzuschreiben: Im Jahr 1774 war er von Bristol aus nach Amerika aufgebrochen, mit dem Auftrag, den unehelichen Sohn seines Bruders aufzuspüren. Dieser, ein erfolgreicher Unternehmer, hatte dort einst die Mutter seines Kindes im Stich gelassen; nun, am Ende des Lebens, will er den "Bastard" als Erben einsetzen. Bei der abenteuerlichen Suche nach dem verlorenen Neffen gerät Ned Gudgeon mitten in den Freiheitskampf der Kolonien, die sich gegen die englische Krone auflehnen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2005
Viele lobende Worte hat Rezensentin Tanya Lieske für James Wilsons Roman "Der Bastard" übrig, wirkliche Begeisterung will sich bei ihr allerdings nicht einstellen. Als ambitioniert wertet sie das umfangreiche Werk, eine Kreuzung aus Bildungs- und historischem Roman, der opulent das Panorama einer abenteuerlichen Reise durch das Amerika des achtzehnten Jahrhunderts entwerfe. Auch sprachlich sei das Werk auf XXL angelegt: Leicht stelzend imitiere Wilson das Genre des Reiseromans der Aufklärung, womit das achtzehnte Jahrhundert als literarisches Passepartout diene. Lieske hebt hervor, dass der Autor versiert genug sei, dies "ironisch zu reflektieren". Doch obwohl sie den Roman insgesamt sorgfältig komponiert findet, macht er sie "nicht ganz glücklich". Aber warum eigentlich? Lieske antwortet mit einem aufschlussreichen Vergleich: "Es ist so, als hätte man eine ältere Verwandte zum Tee geladen. Sie redet pausenlos. Alles stimmt, alles steht miteinander in Beziehung. Man schaltet ab, nickt, hört nach einer Weile wieder hin, hat nicht allzuviel verpasst und kann auch der Conclusio, die mit leichtem Tremolo vorgetragen wird, noch folgen."
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