Aus dem Italienischen von Ruth Mader-Koltay. Katarína kehrt aus Prag nach Bratislava zurück, um Weihnachten mit ihrer Familie zu verbringen. Dort erwarten sie nicht nur die alten Meinungsverschiedenheiten mit ihrer Mutter, sondern sie ist überdies gezwungen, das Fehlen ihres Mannes Eugen zu rechtfertigen. "Samtene Scheidung" erzählt von Verrat, uneingestandenen Sehnsüchten und von Brüchen, die neu zusammengesetzt werden müssen, um Heilung zu finden. Die Protagonistin des Romans ebenso wie das Land, in dem sie geboren wurde, scheinen nach dem Verlust der Vergangenheit auf der Suche nach sich selbst zu sein. Während der wenigen Tage, die Katarína in ihrer Heimatstadt verbringt, hat sie Gelegenheit, ihre früheren Studienkolleginnen wiederzutreffen: Mirka, Daniela und Viera, die wegen eines Stipendiums nach Italien gezogen ist und deren Besuche in der Slowakei immer seltener werden. Katarína und Viera tauschen sich über ihre jeweiligen Beziehungsprobleme aus: Viera erzählt von ihrem Verhältnis mit der Dozentin Barbara, und Katarína berichtet, wie Eugen sie zwei Monate zuvor verlassen hat - mit einem Zettel auf dem Küchentisch. Dabei erinnert sie sich an die einzelnen Phasen ihrer Beziehung, von der ersten Begegnung über die vielleicht etwas verfrühte Hochzeit bis hin zu ihrem Schmerz über das Verlassenwerden, den sie gegenüber ihrer Familie noch nicht artikulieren kann. Mitunter scheinen in der Rückblende auch Bruchstücke ihres Lebens in Bratislava unter dem kommunistischen Regime auf. In Anlehnung an den Begriff "Samtene Revolution", mit dem die Auflösung des kommunistischen Staates Tschechoslowakei bezeichnet wird, steht "Samtene Scheidung" für die kurz darauf erfolgte Aufspaltung in die beiden Staaten Slowakei und Tschechische Republik.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.2024
Rezensentin Christiane Pöhlmann lobt Jana Karsaiovas Debütroman für seine unaufgeregte Erzählweise. Nonchalant, so Pöhlmann, erzählt die Autorin vom "innerlichen Aufbruch" einer jungen slowakischen Frau und reißt eine ganze Menge Themen an, Frauenliebe, Mutter-Tochter-Beziehung, die Auflösung der Tschechoslowakei etc., ohne das schmale Buch zu überfrachten oder oberflächlich zu werden. Ein paar "altkluge Sätze" gegen Ende der Geschichte kann Pöhlmann der Autorin verzeihen.
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