Nora Gomringer

Am Meerschwein übt das Kind den Tod

Ein Nachrough
Cover: Am Meerschwein übt das Kind den Tod
Voland und Quist Verlag, Dresden und Leipzig 2025
ISBN 9783863914615
Gebunden, 208 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Sie hinterlässt drei Kinder und einen Bindestrich. Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin und wundere mich, wie wenig sie sich beschwören lässt, wenn ich es will. Sie hat sich - nun himmlisch - endlich emanzipiert. Ich schreibe über meine mannigfaltige Mutter, ihre Weisheit und Komik, ihren Mann, die Sache mit den Meerschweinchen und mich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.01.2026

Ein höchst ungewöhnliches Buch hat Kritikerin Cornelia Geißler da mit Nora Gomringers "Nachrough" auf ihre Mutter vor sich: Dass sie mit Eugen Gomringer einen berühmten Vater hat, ist nicht das spannendste an diesem Text. Schillernd, schrecklich und lustig schreibt Gomringer über die Mutter, die immer viele und vieles war, Mutter, treusorgende Ehefrau, Suizidgefährdete, Betrogene, Verbündete der Tochter, so Geißler. Oft muss die junge Nora vermitteln, erfährt mit 24 von zwei Halbbrüdern, erzählt sie. Die Kritikerin liest von einem Leben, das zwischen Freude und Verlust einiges umspannt, auf eine Weise von der Autorin geschrieben, das die Kritikerin wahnsinnig einnehmend findet.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 23.10.2025

Rezensent Tobias Lehmkuhl findet viel Witz in diesem sprachlich wendigen, buchlangen Essay über den Tod von Gomringers Mutter Nortrud, den sie zum Anlass nimmt, um schreibend über ihre Familie wie auch über Trauer selbst Klarheit zu erlangen. Mit dem Fokus auf die Mutter schreibt sich Gomringer in eine lange, deutschsprachige Tradition ein, die Lehmkuhl unter anderem an Handkes "Wunschloses Unglück" und Texte von Ulrike Edschmid erinnert. Doch Gomringer bricht radikal mit den Konventionen dieses Genres von Trauer-Buch, so der Rezensent, nicht nur weil bei ihr die Mutter selbst erst nach hundert Seiten auftaucht, sondern weil sie ihren Vater Eugen Gomringer viel plastischer zeichnet. Ihre Schreibenergie ziehe die Autorin dabei aus einer grundlegenden Wut auf weitgreifend gesellschaftliche Verhältnisse wie auch auf den Vater, der die Mutter mit Problemen mehrfach allein gelassen habe, beobachtet Lehmkuhl. Ob diese Verschiebung auf die Vaterfigur den Text besser oder schlechter macht, lässt der Kritiker offen. Dafür findet er Gefallen an Gomringers Sprache, die sich an die assoziative Natur von Erinnerungen anpasst und so einen eigenen Rhythmus der "Auto-Essayistik" kreiert, lobt der Kritiker. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025

Die Lyrikerin Nora Gomringer legt jetzt ihr Prosadebüt vor: Es handelt vom Tod der Mutter und vom schwierigen (Über-)leben mit den Eltern, Nortrud Gomringer und Eugen Gomringer, Miterfinder der konkreten Poesie, schildert Rezensentin Angelika Overath. Der Vater hatte diverse Kinder, war nur "punktuell monogam", die Mutter hat darauf mit psychischen Krisen und Suizidversuchen reagiert, wie wir lesen. Das ist aber nicht nur erschreckend, sondern bizarrerweise immer wieder auch ziemlich lustig von Gomringer geschrieben, versichert Overath: So hat das Kind Nora einem Hamster, der nach einem versehentlichen Untertauchen in der Badewanne wieder trockengeföhnt werden muss. Ein kluges, entschiedenes, kraftvolles Buch, schließt sie. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.10.2025

Rezensent Bernhard Heckler trifft sich mit Nora Gomringer in Bamberg, wo sie als Direktorin des Künstlerhauses Villa Concordia weilt und in letzter Zeit von der eigenen Hochzeit bis zum Tod des Vaters allerhand einschneidende Momente erlebt hat: Soeben ist ihr erster Roman erschienen, der autofiktional vom Tod der Mutter handelt. "Humor aus Notwehr" liest Heckler in dem Buch, das nicht nur die Beziehung zur Mutter, sondern auch zum reichlich schwierigen Vater, dem Lyriker Eugen Gomringer, aufrollt. Der Lyriker Gomringer wird bewundert, der Vater Gomringer als abwesend, als schwieriger Ehemann, beschrieben, von dem die Tochter nicht mehr weiß, ob er nach den beiden Suizidversuchen der Mutter überhaupt erreichbar war, erfahren wir. Dem Kritiker scheint er "raumfüllend absent", die Mutter versucht fortwährend, ihn zu verstehen, bis zum Tod, den sie leichter akzeptiert als er. Davon berichtet Gomringer ihm zufolge "im besten Sinne changierend" zwischen Essay, Prosa und vielen Gefühlen, aber trotz schwieriger Themen immer mit Respekt vor den Eltern.

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