Janos Terey

Budapester Überschreitungen

Cover: Budapester Überschreitungen
Arco Verlag, Wuppertal 2019
ISBN 9783938375983
Kartoniert, 150 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen und mit einem Nachwort von Wilhelm Droste. Mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien. Überschreitungen in Budapest - das geschieht hier im Doppelsinn. In 14 Geschichten wird immer wieder die Donau überschritten, ein Übersetzen von Buda nach Pest, hin und her, wo die Seelen sehr verschieden ihr Unwesen treiben. Überschritten werden dabei zugleich die üblichen Grenzen der Diskretion. Geheimnisse werden gelüftet, Gewissheiten erschüttert, Verschüttetes wird aufgedeckt. János Térey liefert einen lyrischen (Ver-)Führer durch das Budapest von heute und gestern, Blicke eines Eingeweihten auf diese schaurig-schöne Stadt.
An vielen dieser Orte geht es um Liebeskatastrophen, um Eifersucht und trickreichen Betrug. Oder um die Ästhetik von Filmen. Oder um einen Stalker am Telefon. Wir werden unversehens zu Voyeuren beim Dreh eines Pornos, bewegen uns in wunderschönen Bauhauswohnungen, in denen aber böse Geister spuken, weil Adolf Eichmann sie zu Tatorten des Terrors gegen Juden machte. Wir versinken in den Tiefen und Abgründen der Stadt, geführt von der eigenwilligen Sprache des Erzählers, der seine Abwege zu genießen versteht. Jeder Geschichte werden im Inhaltsverzeichnis Straßen und Plätze zugeordnet. Dem wäre nachzugehen, die Grenzen zwischen Fiktion und Reportage geraten ins Fließen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 10.10.2019

Worte des Kleinen, Minimalistischen, Leisen findet Rezensent Jürgen Deppe in seiner Besprechung für die Texte des ungarischen Lyrikers. Denn es seien die unauffälligen Menschen, deren Spuren dieses besondere Netz aus Budapester Straßen herstellen und durch sie und das Erinnern eine Landschaft aus Gegenwart und Vergangenheit. Der von Sprache und Sujet hingerissene Rezensent zitiert ausführlich und vermittelt der Leserschaft so einen starken Eindruck von beidem. Sehr beeindruckt hat ihn auch die Beigabe der Fotografien aus dem Projekt "Fortepan", in dem Privataufnahmen aus den Jahren des Sozialismus in Ungarn gesammelt sind. Sie bilden nicht etwa "Illustrationen" zu Téreys Texten, so zitiert Deppe den Übersetzer Wilhelm Droste aus dem Nachwort, sondern bezeichnen ebenso wie diese vor allem eine "Stimmung". Eine Genrebezeichnung für die Texte des Lyrikers zu suchen, erscheint ihm überflüssig, vielmehr solle man ihrem Sound nachlauschen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.09.2019

Rezensent Lothar Müller bespricht eindrücklich diese Geschichten aus Budapest von dem vor ein paar Monaten verstorbenen Lyriker János Térey. Verortet sind die Geschichten - eigentlich sind es eher "Langgedichte", meint er - in Budapest, aber die Donau spiele keine Rolle. Vielmehr erzählen sie, so der Rezensent, von einem vergifteten Kater, von der "Echokammer" eines Hauses, in dem einmal ein Angestellter des Staatsschutzes wohnte, oder auch von dem "Todeshaus mit Hakenkreuzfahne" von 1944, an das sich ein Architekt angesichts eines Fahrstuhlschachts erinnert. "Kraftzentrum" des Bandes sind die 1990er Jahre, so Lothar Müller, die Konzerte jener Zeit, deren Erinnerung jetzt überlagert wird von der Figur eines damaligen Punk, der zum Pornoregisseur wurde. Eiskalt, genau und unversöhnlich, so legt uns der beeindruckte Rezensent dar, sind diese Geschichten aus der Großstadt, zu deren "Gespenstern" sich neuerdings ein "Nervenbündel-Denkmal" hinzugesellt hat, ein bronzener Steve Jobs mit Handy. Auch er hat seinen Auftritt bei János Térey.
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