Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Der 9. Juli 1961 ist ein einschneidender Tag für die Familie Chassaing. Für Albert, seine Frau Suzanne und ihren jüngeren Sohn Gilles. Der ältere, Henri, ist als Soldat im Algerienkrieg. An diesem Tag wird den Chassaings der erste Fernseher in das Dorf geliefert, weil eine Sendung über den Krieg, in der Henri auftritt, ausgestrahlt wird. Alle werden kommen. Auch erfährt man auf eine geradezu zärtliche Weise durch Albert, dass Suzanne, die alles Neue liebt, an diesem Tag anfängt einen anderen Mann zu begehren. Er weiß, er wird nichts dagegen tun können, weil der Zweite Weltkrieg ihn verändert hat. Er kämpfte in der Festung Schoenenbourg der Maginotlinie. In der Nacht des 9. Juli erhängt sich Albert. Zuvor eröffnet er seinem jüngeren, gerade Honoré de Balzacs "Eugénie Grandet" mehr erlebenden als lesenden Sohn Gilles die Möglichkeit, in dieser ländlichen Arbeiterwelt seiner Leidenschaft für die Literatur nachzugehen. Er bittet den alten Lehrer, sich um ihn zu kümmern.
Tilman Krause empfiehlt Mut zur Trauer und Melancholie. Nur so, meint er, lässt sich Jean-Luc Seigles Debütroman über das Frankreich von 1961 richtig verstehen. Dass der Autor statt Weichzeichnung Genauigkeit als Leitlinie wählt, gefällt ihm gut und macht ihm die latent depressive Hauptfigur erst erträglich. Ein Tag im Sommer 1961, an dessen Ende der Tod steht, das ist laut Rezensent natürlich viel mehr: Das ist der Abgesang auf "La France profonde" und ein Memorial für die Toten des Zweiten Weltkriegs. Schön und gut, meint Krause. Hätte sich der Autor nicht dazu befleißigt gefühlt, dem Romantext eine persönliche Geschichtslektion hinterherzuschicken, mit der er Respekt für die Verteidiger von Frankreichs Ostgrenze fordert, wäre ihm allerdings wohler gewesen. Das klingt nämlich wie eine "Bewerbung bei Marine Le Pen", meint er entsetzt.
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