Jenny Erpenbeck

Geschichte vom alten Kind

Cover: Geschichte vom alten Kind
Eichborn Verlag, Berlin 1999
ISBN 9783821807843
Gebunden, 106 Seiten, 15,24 EUR

Klappentext

Ein Mädchen wird gefunden, nachts auf einer Straße, einen leeren Eimer hat es in der Hand. Es ist nicht schön noch häßlich, niemand kennt seinen Namen, niemand weiß, woher es kommt, niemand weiß, wer seine Eltern sind. Niemand, auch das Kind selbst nicht. Also wird es in ein Heim gesteckt, auf eine Schule geschickt. Nur ganz selten scheint es, als wisse das Kind mehr, als es preisgibt - doch wer versucht, sein Geheimnis zu durchschauen, hat das Gefühl, er blicke in einen blinden Spiegel.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.1999

Hubert Spiegel macht keine langen Umstände und nennt dieses Buch "das merkwürdigste Erstlingswerk" dieses Herbstes. Dabei eine Ausnahme: still, während die anderen Erstlinge der letzten Zeit so viel Getöse machten. Liebevoll zeichnet Spiegel die Geschichte eines Mädchens nach, die sich ins "Glück der Regression" flüchtet, und vergleicht sie mit Melvilles Bartleby-Novelle. Am Ende fragt sich der Rezensent, ob dieses Sich-Einlullen in die triste Geborgenheit eines Kinderheims nicht auch als Parabel auf die einstige DDR verstanden werden kann.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.10.1999

Hajo Steinert sieht in der "Geschichte vom alten Kind" eine Parabel auf die vielen Bürger, die seit dem Ende der DDR eine starke Orientierungslosigkeit verspüren und sich weigern, "in eine gemeinsame Zukunft hinauszulaufen". Die Umgebung reagiert darauf ratlos: Keiner weiß so recht, was er mit dem dicken, stummen Mädchen, das weder mit Eingesperrtsein noch mit Individualismus zurechtzukommen scheint, anfangen soll. Andererseits gelänge es dem Mädchen seinerseits, "die verstörte Umwelt " an der Nase herum zu führen. In seiner sehr liebevoll verfassten Rezension räumt Hajo Steinert allerdings ein, dass Jenny Erpenbecks Geschichte ganz unterschiedliche Deutungen zulässt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.10.1999

Das alte, dicke Kind vereinigt alle Eigenschaften in sich, die DDR-Bürgern zum Überleben und Überstehen nützlich waren: Es will keine Verantwortung für sich übernehmen, ist froh, dass alles für es geregelt wird, es will nichts wissen von der Freiheit jenseits des Zauns des Kinderheims. Verena Auffermann zeigt sich sehr angetan von dieser Parabel, sie lobt Erpenbecks Ernsthaftigkeit, ihre Klugheit, das Dunkle in ihrer Erzählung, die rauh und poetisch zugleich sei. Damit hebe sich Erpenbeck klar von den Spaß-Autoren ihrer Generation ab.
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