Theoriegeschichtlich fällt auf, dass die ökonomietheoretische Debattenlage seit dem "Finanzbeben" heute wieder vor dem Theodizee-Problem steht. Damals fragten sich etwa Diderot und Voltaire: Wenn die Hand des Gottes, der, wie behauptet, gütig und allmächtig ist, alles so herrlich regieret, wie kann er dann ein solches Schrecknis zulassen, das die Gerechten wie die Ungerechten trifft? - Zweihundertfünfzig Jahre später haben die aktuellen Diskussionen der Ökonomen allenfalls in Randbezirken das Niveau der Theologie in der Mitte des 18. Jahrhunderts erreicht. - Die invisible hand des Marktes, die alles so herrlich wenn nicht regieret, so doch regelt, in Frage zu stellen, ist unter den meisten Ökonomen noch heute ein tabubewehrtes Sakrileg - selbst wenn sie über Fälle von Marktversagen nachdenken.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2013
Als strukturelles Gedankenspiel macht der Essay des Germanisten Jochen Hörisch dem Rezensenten Thomas Gross Spaß. Konkret, substantialistisch überzeugt ihn die von Hörisch postulierte Nähe von Gott und Religion, Geld und Hostie zwar nicht. Solange der Autor jedoch die Finanzkrise als hermeneutischen Anwendungsfall behandelt, angenehm gelehrsam, geistvoll und assoziativ zudem, wie Gross erklärt, ist alles in Ordnung. Religion und Finanzen bei Karl Jaspers, wirtschaftliche Implikationen literarischer Texte bei Goethe? Fein, meint Gross. Die Vorschläge des Autors zur Überwindung der Krise (Malusforderungen an Spitzenmanager, Begrenzung der Einkommensunterschiede) findet Gross allerdings "recht geläufig".
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