Jeder Konzert-, jeder Opernbesucher kennt diesen Anblick: der schwarze Rücken, die fliegenden Frackschöße, die lockende, gebieterische Hand. Ohne den Mann, ohne die Frau am Pult schweigt das Orchester, ist es wie seiner Seele beraubt. Und doch bleibt die Figur des Dirigenten ein Mythos. Was verbirgt sich hinter Namen wie Claudio Abbado, Ingo Metzmacher, Daniel Harding oder auch Simone Young? Wo liegen die Schwerpunkte dieser Dirigenten, wie sind sie musikalisch zu typisieren, was sind ihre Stärken und was ihre Schwächen? Die Musikkritikerin Julia Spinola geht diesen Fragen nach. In ausführlichen Porträts werden 30 der wichtigsten Dirigenten exemplarisch vorgestellt - von den großen, noch tätigen Alten bis hin zu den Jungen, über die man allmählich zu reden beginnt. Abgerundet wird die Gegenüberstellung durch einen umfangreichen Lexikonteil, eine Auswahldiskografie und circa 30 s/w-Fotos.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.04.2005
Joachim Kaiser stellt die Autorin als die "durchaus gestrenge" Musikredakteurin der FAZ vor, die für ihren Porträtband von dreißig "großen Dirigenten unserer Zeit" eine sehr direkten, vergnüglichen Ton gewählt habe. Spinolas Sprache sei eher unakademisch, meint Kaiser und lässt durchblicken, dass ihm manches zu salopp formuliert ist. Dafür seien ihre Kurzporträts sehr bild- und lebhaft, gesteht er zu. Natürlich hat Kaiser, der große Kritikerpapst der SZ, auch einiges einzuwenden: die - zugestanden subjektive - Auswahl leuchtet ihm nicht immer ein. Er vermisst Levine und Maazel und schiebt das Fehlen von Rilling und Guttenberg auf Spinolas Vorliebe für große Symphonik und Oper. Und ihre Interpretationen findet er selten anschaulich und ausführlich genug. Vor allem aber fragt sich Kaiser, ob Spinolas Weigerung, die von ihr vorgestellten Dirigenten in einer Rangordnung zu klassifizieren, nicht für manche Leser unbefriedigend ist. Für ihn offensichtlich schon. Zwar äußere Spinola Sympathien und Begeisterung, aber Kaiser bemängelt das Fehlen von eindeutigen, überprüfbaren Kriterien, die zwischen "Weltklasse und biederem Kapellmeister" unterscheiden lassen. Zum Schluss gibt sich Kaiser jovial und lobt das Buch als sehr anregend.
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