Abschied(e)

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2026
ISBN
9783462009194
Gebunden, 256 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte die Kontrolle darüber behalten, wie man auf dieses Leben blicken wird. Als Julian Barnes erfährt, dass er eine Krankheit hat, die für ihn tödlich sein kann, aber nicht sein muss, heißt das für ihn, die Dinge zu ordnen. Was zählt im Leben, welche Lebensphase war wichtig, oder trügt die Erinnerung? Er nimmt Abschied, indem er den Anfang und das vermeintliche Ende dieses außergewöhnlichen Schriftstellerlebens erzählt - und eine fiktive Geschichte, in der auch ganz viel Julian Barnes steckt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 05.02.2026
Für den Rezensenten Daniel Haas lässt mit Julian Barnes einer der wichtigsten Gegenwartsautoren das Schreiben hinter sich: Der 80-jährige ist an Leukämie erkrankt und führt hier ein "letztes Gespräch" mit seinen Lesern. Barnes' große Themen, die Erinnerung und die Liebe, dominieren das Buch, verbunden mit einem "skeptischen" Rückblick auf das eigene Leben, verrät der Kritiker. Der collageartig zusammengesetzten Selbstbefragung zu Kunst, Krankheit, Tod und Nachleben folgt er durchaus mit Gewinn, auch weil Barnes seinen Humor nicht verloren hat. Und doch ist es nicht sein stärkstes Buch, findet Haas: "Schnörkelloser", aber weniger raffiniert erscheint ihm der Text, der die einzelnen Motive leider auch nicht immer gelungen verbindet.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 20.01.2026
Rezensentin Meike Feßmann freut sich über dieses stoische Alterswerk des britischen Schriftstellers. Julian Barnes erzählt darin autofiktional von sich selbst, der sich mit immer mehr Krankheitsdiagnosen und auch der Möglichkeit eines nahenden Endes konfrontiert sieht, resümiert die Kritikerin. Er nimmt das zum Anlass, über den Patientenstatus als medizinisch eingenommener, nicht mehr ganz sich selbst gehörender Körper nachzudenken sowie über das Altern und die Rolle der Erinnerung, erfahren wir. Das Abschiedsmotiv ergründe der Erzähler nicht nur in Bezug auf ihn umgebende Liebende, von denen er sich verabschieden musste, sondern richte es in Form dieses Romans als angeblich letzte Veröffentlichung auch an die Lesenden. Damit es jedoch nicht zu traurig wird, hat der Autor eine Liebesgeschichte eingebaut, verrät die Kritikerin, die er geschickt mit seinen Überlegungen zur Erinnerung verbindet. Zuweilen wirkt der Text etwas "zusammengeschraubt", merkt Feßmann an, nichtsdestotrotz entfalten die lesenswerten Überlegungen über den nahenden Tod einen ganz eigenen Sog, schließt sie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 19.01.2026
Rezensentin Judith von Sternburg bekommt mit diesem möglicherweise letzten Buch von Julian Barnes einen Text über Abschiede, auch über den einen bestimmten Abschied ohne Wiederkehr. Es geht um Barnes' Krebserkrankung, den Verlust alter Freunde und wie sich dagegen mit Humor antreten lässt. Neben dem Autobiografischen erfreut Sternburg eine "raffiniert" in den übrigen Text eingepasste Liebesgeschichte nebst anderen Abschweifungen. Barnes, ein Meister des Mäandernden und Hybriden aus Frohsinn und Melancholie, findet Sternburg, die Gertraude Krügers Übersetzung außerdem als kongenial feiert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.01.2026
Schade, dass das vermutlich Julian Barnes' letztes Buch sein wird, seufzt Rezensent Paul Jandl, würde er doch gerne noch mehr von diesem "maßlos klugen und lebenssanften" Autor lesen. Der Autor nähert sich seinem achtzigsten Geburtstag und blickt noch einmal zurück: In der Neurologie gibt es den Begriff der "involuntary autobiographical memory", eine unwillkürliche Kaskade an Erinnerungen, wie sie zum Beispiel Marcel Proust aufgeschrieben hat, erklärt uns Jandl. Dem folgt jetzt auch Barnes. Er beschreibt eine tückenreiche Liebesgeschichte zwischen zwei seiner Freunde, die sich über Jahrzehnte erstreckt, die Themen Liebe, Tod und Endlichkeit weiß er mit "stilistischer Grazie" zu schildern, versichert der überzeugte Kritiker. Er hofft, dass dieses Buch über Abschiede und Aufbrüche wider der Ankündigung doch nicht das letzte des Autors bleiben wird.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.01.2026
Rezensentin Katharina Döbler freut sich, dass Julian Barnes sich in seinem wahrscheinlich leider letzten Buch noch einmal dem "Mäandern seines Denkens" verschreibt: Irgendwo zwischen Roman, Tagebuch und fragmenthaften Notaten schreibt er vor allem über Freundschaften und Abschiede, die in ganz verschiedenen Phasen ablaufen. Das Buch selbst wird beim Lesen für Döbler dabei geradezu zum Freund: Der Autor tritt als alter Mann auf, der sich an ein Paar im Freundeskreis und ihre Schwierigkeiten ebenso erinnert wie an seine Krebserkrankung. Ein Buch, das Abschied nimmt vom Schreiben und die Rezensentin trotzdem zufrieden zurücklässt, wie sie schließt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.01.2026
Wehmütig blickt Rezensent Tobias Rüther auf das letzte Buch seines "Lieblingsschriftstellers" Julian Barnes und dabei auch zurück in die eigene Lesevergangenheit. Was er nach einer Zufallsentdeckung des Romans "Metroland" auf einem Wühltisch über Jahre hinweg an Julian Barnes zu schätzen lernte, beeindruckt ihn auch in "Abschied(e)": wieder gelinge dem Briten ein Balanceakt zwischen Bericht und Erzählung, wie schon in "Flauberts Papagei"; diesmal aus autobiografischer Warte auf das eigene Werk und Leben blickend, durchsetzt von subtilen fiktionalen Elementen, staunt Rüther. Auch sein Lebensthema, die "Relativität von Wahrheit, wenn es um Liebe und Erinnerung geht", nehme Barnes hier wieder auf, ebenso wie eine Beziehungs-Variation. Arg viel mehr erfährt man über das Buch gar nicht, dafür von Rüthers Liebe zur Barnes "kalter, aber weicher" Prosa, wie Schnee, oder von einem netten, auch irgendwie peinlichen Treffen mit dem Idol 2008. Dass auch "Abschied(e)" ein Meisterwerk ist, scheint für den Kritiker selbstverständlich; der deutsche Titel, der die "Departure(s)" im Original auf eine Bedeutung festlegt, scheint für Rüther leicht hinter dem schillernden Inhalt zurückzubleiben.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 10.01.2026
Rezensentin Mara Delius applaudiert dem von ihm selbst so ausgewiesenen letzten Buch von Julian Barnes, einem würdigen Alterswerk, wie Delius vermittelt. Es geht darin weniger um den Abschied an sich als um eine "philosophisch-autofiktionale Auseinandersetzung mit dem Prozess des Abschiednehmens", analysiert die Kritikerin: In einer Art Schachtelung erzählt Barnes die Geschichte eines von ihm zusammengebrachten Liebespaares aus Studienzeiten, aber auch von eigenen Erinnerungen daran; er fragt auch nach der identitätsstiftenden Kraft von Erinnerung, wie schon in vielen Vorgängerwerken, weiß Delius. Wie Barnes dabei in gewohnter Manier "kontinentale Metaphysik" mit "englischer Abgeklärtheit" verbinde, dabei den medizinischen Aspekt von Abschied - seine Frau starb an Krebs, auch er bekam vor ein paar Jahren eine Diagnose - nicht außen vor lässt und dies trotzdem mit einer undramatischen Abschiednahme von seiner Leserschaft verbinde, das scheint die Kritikerin literarisch gelungen und außerdem stilvoll und "mutig" zu finden.