Karl Mays Beiträge zu dem 1876 beim Verlag H. G. Münchmeyer in Dresden erschienenen Buch der Liebe gehören zu seinen ersten größeren schriftstellerischen Arbeiten überhaupt. Auf den ersten Blick mag es verwundern, Mays Namen in Zusammenhang mit einem Werk zu lesen, das lasziv-erotischen Inhalt verspricht. Aber wie später noch öfter in seiner Laufbahn hat May auch hier dem Verleger ein Schnippchen geschlagen: Statt erotischer Sensationen lieferte er Texte, die sich aus kulturgeschichtlicher, philosophischer und religiöser Sicht mit dem Begriff der Liebe und seinen vielfältigen Bedeutungen befassen. Schon der frühe May erweist sich darin als Autor, der unterhaltsames Erzählen mit historischen und völkerkundlichem Wissen zu verbinden wusste und dabei auch tiefsinnigen Fragen zur Natur des Menschen nachging. Neben den von May stammenden Kapiteln im Neusatz enthält der Band zusätzlich Auszüge anderer Abschnitte im Faksimile sowie einen Kommentar von Dieter Sudhoff.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2007
Schon ein wenig kurios mutet Martin Halter dieses 1875 anonym erschienene, unter Pornografieverdacht eingezogene Werk "Das Buch der Liebe" an, das den Wildwest-Autor Karl May als Sexualaufklärer zeigt. Auch wenn May sich seinerzeit von dem nun in die Gesammelten Werke aufgenommen Buch distanzierte, steht seine Autorschaft nach Auskunft Halters außer Zweifel. Wie er berichtet, beauftragte der Verleger Münchmeyer den Autor damit, seine verbotenen Bestseller "Die Geheimnisse der Venustempel aller Zeiten und Völker" und "Die Geschlechtskrankheiten und ihre Heilung" mit kulturgeschichtlich-philosophischen Alibi-Texten zu camouflieren. Das Ergebnis scheint Halter überaus enttäuschend. May verbreite sich umständlich über Wesen, Formen und Negationen der Liebe, garniere das Ganze mit Bibelzitaten, geflügelten Worten und Gedichten und bediene sich im übrigen bei Sittengeschichtlern, Philosophen und Naturwissenschaftlern wie Ernst Haeckel. Mays Menschheitspathos und Missionsdrang sind für Halter aber auch in diesem Werk schon deutlich spürbar.
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